Leserbrief an den Chefredakteur der Wirtschaftswoche

Im Zusammenhang mit meiner medialen Provokation von gestern, habe ich  Roland Tichy auf seinen Einblick: Globale Wanderblasen wie folgt geantwortet:

Sehr geehrter Herr Tichy,

ich lese Ihre Beiträge eigentlich immer sehr gerne, aber in letzter Zeit ist die sachliche Analyse mehr als schwach und geht über die Mainstream-Ökonomie nicht hinaus. Dies ärgert mich auch deshalb, weil ich seit über 20 Jahren Abonnent bin und von einem der führenden Wirtschaftsmagazine mehr erwarte als das gebetsmühlenhafte Wiederholungsmantra der freien Märkte (ich bin einer der heftigsten Vertreter von freien Märkten, aber dies hilft eben gerade nicht bei dieser Krise). Die von Ihnen beschriebenen Phänomene sind zwar weitgehend richtig, aber sie klagen hier die Falschen an. Nicht die Fed ist schuld, auch nicht die EZB, sondern die ach so rationalen Märkte (Fama Morgana)!

Ich bin kein Befürworter von staatlichen Eingriffen sondern ein großer Freund des Ordoliberalismus und des Leistungsgedankens (kein flächendeckender Mindestlohn, kein BGE, etc.).

Die Hilflosigkeit der Mainstream Ökonomen und ihre diametrale Widersprüchlichkeit hinsichtlich der Ursachenanalyse (hier weniger) und Lösungsstrategien (hier umso mehr) können einen (und sicherlich auch Frau Merkel) nur noch zur Verzweiflung bringen. Und was viel schlimmer ist: Wir verspielen gerade die freiheitliche und friedliche Zukunft Europas, weil wir nicht in der Lage sind, aus den alten Schützengräben der Wirtschaftsdebatte herauszutreten und unsere bisherigen Gewissheiten in Frage zu stellen. Die EMH-Vertreter beklagen die staatlichen Eingriffe, die Keynesianer ihr Fehlen (Krugman, Flassbeck und Co.). Es ist zum verzweifeln.

Diese Krise ist anders als die kleineren vergangenen Krisen der letzten 25 Jahre. Wir machen die Schuldigen aber nur bei den kreditinduzierten Boom-Bust-Zyklen aus. Da ist viel Wahres dran (Spanien, USA, Griechenland…), erklärt aber nicht diese Krise.

Wir kommen deshalb nicht zu den richtigen Lösungsstrategien, weil wir mit den Handwerkskästen der Mainstream-Ökonomen nicht die richtigen Analysewerkezuge in der Hand haben. Es gibt bis heute keine in sich schlüssige Geldtheorie. Ich bin inzwischen zur Überzeugung gekommen, dass die meisten Ökonomen noch nicht einmal begriffen haben, welche Funktion das Geld in einer arbeitsteiligen Wirtschaft hat. Die meisten versuchen doch immer noch die Robinsonade für die Analyse und Erklärung von Makrophänomenen umzubiegen. Dies ist ja auch oftmals hilfreich, aber nicht in einer hochkomplexen Kreditgeldwirtschaft. Warum? In der Robinsonade gibt es kein Geld. Und wenn, dann ist es gedanklich stehen geblieben beim Goldstandard oder der irrigen Vorstellung, dass Sparer etwas einlegen müssen, damit Investitionen stattfinden können. Diese irrige Vorstellung hatte allerdings auch die deutsche Bundesbank bis noch vor wenigen Jahren. Inzwischen hat sie sich korrigiert und stellt den Geldschöpfungsprozess (und damit indirekt auch den Investitionsinitiierungsprozess, der der Ersparnisbildung vorausgehen MUSS und eben nicht aus der Ersparnisbildung folgt!) in ihrem Schülerheft für die Sekundarstufe II richtig dar. Aber welcher gestandene Ökonom schaut noch nach 20 oder 30 Jahren in dieses “Heftchen“?

Hinzu kommt, dass die meisten von uns einer simplifizierenden Quantitätstheorie anhängen. Mehr Basisgeld (M0) führt also immer zu mehr Buchgeld (M1 – M3). Warum dies falsch ist, habe ich gestern im Herdentrieb der Zeit dargelegt: http://blog.zeit.de/herdentrieb/2013/10/07/der-deutsche-konjunkturmotor-stottert-zeit-die-pro-zyklische-finanzpolitik-zu-beenden_6605/comment-page-35#comments Kommentar # 274.

Ich sehe die Ursache dieser Krise (die mir ähnlich zu sein scheint wie 1929) in einem systemimmanenten Defekt unserer Kreditgeldwirtschaft, der als schleichendes Gift seine eruptive Zerstörungskraft über viele Jahre ansammelt und daher immer wieder zu schweren Krisen führen MUSS. Dieser Defekt wird von uns aber nicht erkannt und Fama argumentiert dann dergestalt, dass Blasen dazugehören und der Markt für die nötige Korrektur sorgt. Ja, da hat er Recht; aber eben nur bei kleineren Blasen, die durch herdentriebhafte Irrationalität ausgelöst wurden. Bei dieser Krise kommt zur Irrationalität aber noch ein weiterer systemimmanenter Defekt hinzu. Der Markt sorgt im Rahmen der Marktgesetze zwar auch hier für ein neues Gleichgewicht, erzeugt dabei aber viel Leid und Elend. Dies müsste nicht sein, wenn wir ein paar kleine ordnungspolitische Regelmechanismen einbauen, die Krisen zwar grundsätzlich nicht verhindern können, aber in dieser Schärfe (es steht uns noch Schlimmeres bevor, wenn wir nicht schnell handeln) nicht mehr sein müssten. Welche das sind sowie eine Analyse der Krise aus meiner Sicht habe ich vor einer Woche ins Netz gestellt und zur Diskussion im Herdentrieb freigegeben. Sie finden sie unter: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/10/13/zehn-masnahmen-fur-ein-europa-in-frieden-freiheit-und-wohlstand/.

In großer Sorge um Europa
Michael Stöcker

Über Michael Stöcker

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
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2 Antworten zu Leserbrief an den Chefredakteur der Wirtschaftswoche

  1. Elias Buchwald schreibt:

    Was für eine Genugtuung einen Makroblog entdeckt zu haben, der sich ganz grundsätzlich der Geldtheorie widmet und die Erkenntnis auf die gegenwärtigen Debatten anwendet.

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  2. Hans von Atzigen schreibt:

    10 Massnahmen für ein Europa in Frieden, Freiheit und Wohlstand.
    Gewiss die Geldtheoretischen Ausführungen sind zutreffend exzellent.
    Nur eben die ganze Sache ist weit umfangreicher.
    Da grassiert ein fataler Irrglaube durch die Geschichte.
    Der Irrglaube vom Ökonomie- Perpetuum- Mobile.
    Das Geld ist lediglich ein Faktor im Ökonomischen Gesamtablauf.
    Ein annähernd ,,abschliessendes,, Gesamtbild ergibt sich erst
    unter Einbezug weiterer Massgeblicher Faktoren.
    Tja jetzt wird es etwas anspruchsvoller und komplexer.
    Freundliche Grüsse

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