Aufgelesen bei SPON: Endlich verständlich: Wie Zinsen die Welt verändern

Der Name dieses Blogs ist Programm: Zinsfehler!

SPIEGEL ONLINE hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns endlich die Welt verständlich zu erklären. Aber leider wird der Autor Stefan Kaiser diesem Anspruch kaum gerecht. Manches wird richtig dargelegt, vieles bleibt unklar und einiges ist schlichtweg falsch. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit hier die aus meiner Sicht wichtigsten Defizite des Erklärversuchs von Stefan Kaiser.

Ad1) Warum gibt es überhaupt Zinsen?

Wie bereits von einigen Kommentatoren des Beitrags richtig angemerkt wurde, gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen einem privaten Darlehen und einem Bankkredit. Bei einem privaten Darlehen kann der Darlehensgeber während der Laufzeit nicht mehr über sein Geld verfügen. Ganz im Gegensatz dazu, wenn eine Bank einen Kredit gewährt. Mit der Kreditvergabe wird neues/zusätzliches Giralgeld und somit zugleich zusätzliche Kaufkraft erzeugt. Banken ‚verleihen‘ zudem kein Geld. Dies ist einer der größten Irrtümer der Gegenwart und wurde trotz Finanzkrise von den meisten immer noch nicht verstanden.

Was machen also Banken nun wirklich? Banken erzeugen und managen Schuldverhältnisse.

Und warum gibt es dann Zinsen? Für die Deckung der Kosten sowie des Risikos eines Kreditausfalls.

Das Geld der Sparer wird in einem modernen Kreditgeldsystem also gar nicht benötigt. Damit fällt aber auch die Hypothese einer Konsumverzichtsprämie in sich zusammen. Hat halt ein wenig gedauert, bis sich die formale Logik auch am Markt durchgesetzt hat. Manche suchen allerdings die Ursache für die nicht mehr existenten Guthabenzinsen immer noch bei den Zentralbanken. Schön, wenn die Medien einen Schuldigen gefunden haben und wir somit das eigenständige Denken einstellen können.

Ad 2) Wer bestimmt, wie hoch die Zinsen sind?

Die Höhe der Leitzinsen spielt eine untergeordnete Rolle; denn diese wirken sich nur zu ca. 1/10 aus. Warum? Weil die Mindestreserve nur bei 1 % liegt und auch der Anteil an Bargeld bei unseren Zahlungsvorgängen eine immer geringere Rolle spielt. Tatsächlich liegt das vom Bankensystem benötigte Zentralbankgeldvolumen (M0) bei nur ca. 10 %. Erhöht die Zentralbank also den Leitzins um z. B. 0,25 % (wie zuletzt die FED), dann steigen die Kreditvergabekosten bei den Banken nur um 0,025 %. Wer jetzt noch von einer Gezeitenwende bei den Zentralbanken fabuliert, der sollte wohl besser einen Verein für monetäre Homöopathie gründen. Aber wir sollten die Kraft und die Macht des Glaubens nicht unterschätzen. Er hat die Fähigkeit, eine eigene Wirklichkeit zu konstruieren; zumindest so lange, bis der Glaube an der Wirklichkeit scheitert.

Ad 3) Wer bestimmt, wie hoch die Zinsen sind?

Die Zinsen werden immer noch am Markt gebildet. Die Zentralbanken sind aber nicht die aktiv handelnden Akteure am Markt, sondern sie reagieren auf Änderungen am Markt. Es ist also der Markt, der die Zentralbanken zum Handeln auffordert und nicht etwa umgekehrt. Auch dann nicht, wenn viele etwas anderes glauben. Auch diese alte marktwirtschaftliche Erkenntnis scheint sich erst sehr langsam wieder durchzusetzen. Gerald Braunberger hatte hierzu einen guten Artikel geschrieben.  Und hier eine weitere gute Zusammenfassung von Braunberger, warum die Zinsen noch lange so niedrig bleiben.

Ad 4) Warum ist der Leitzins der Notenbanken so wichtig?

Diesen Punkt hat Kaiser gut herausgearbeitet. Ich verweise aber auf die 1/10 Wirkung (ad 2).

Ad 5) Bringen niedrige Zinsen automatisch eine höhere Inflation mit sich?

Die Grafik zu diesem Thema differenziert leider nicht zwischen den 2 Ebenen unseres Geldsystems. Der Unterschied zwischen Zentralbankgeld und Giralgeld geht völlig unter und somit wird hier mehr verwirrt als erklärt. Banken erzeugen Giralgeld, während das Zentralbankgeld (das eigentliche Geld im Sinne von gesetzlichem Zahlungsmittel) ausschließlich von der Zentralbank kommt.

Ad 6) Was bedeuten niedrige Zinsen für die Altersvorsorge?

Private (lat. privare = berauben) Altersvorsorge auf Basis von Staatsanleihen war ein Beschäftigungs- und Umverteilungsprogramm zu Gunsten eines aufgeblähten parasitären Finanzsektors. Staatsanleihen müssen selbstverständlich im Rentenalter von den Steuerzahlern bedient werden. Da hätte man auch gleich bei der gesetzlichen Rente bleiben können. Wie sich nun aber Staatsverschuldung, Schuldenbremse und Fiskalpakt bzw. Schwarze Null mit der aufgenötigten Riesterrente sowie den Sparwünschen der Bevölkerung vereinbaren lassen, das bliebt wohl ein ewiges Geheimnis unserer ökonomischen und parlamentarischen Finanzspezialisten für schwäbische Hausfrauenkunde. Zumindest einer hat hier den Durchblick: Carl-Christian von Weizsäcker.

Und jetzt noch ein paar Anmerkungen zu den fehlerhaften Vorstellungen einiger Kommentatoren:

Geld sei ein Tauschmittel. N E I N, NEIN und nochmals nein! Geld ist gesetzliches Zahlungsmittel zur Erfüllung einer Zahlungsverpflichtung. Wir leben nun mal nicht mehr in einer Tauschwirtschaft, wo am Flussufer reale Güter ausgetauscht werden. Wir leben in einer hochkomplexen Zahlungsökonomie, die mit dem neoklassischen Tauschparadigma nur im Entferntesten etwas zu tun hat.

Geld (Zentralbankgeld) ist zudem etwas anderes als Kredit (Giralgeld). Wir haben es mit einem 2-stufigen Geldsystem zu tun. Hat leider bis heute kaum jemand verstanden. Darauf basieren dann auch so unsinnige Aussagen der Vollgeldbewegung hinsichtlich einer angeblichen Seigniorage. Die gibt es aber auch in unserem Geldsystem ausschließlich bei der Münzprägung. Und dieser Gewinn ist relativ gering und geht unmittelbar an den Finanzminister. Mit einer Kreditvergabe einer Bank entsteht ein Schuldverhältnis. Ein Gewinn kann nur aus den Zinserträgen generiert werden, nicht aber bereits durch die Kreditvergabe.

Und noch ein großer Irrtum: Geld entstehe bei den Banken angeblich aus dem Nichts. Wer behauptet, dass ein Kreditvertrag NICHTS sei, der hat unser Rechtssystem aber noch nicht einmal im Ansatz verstanden. Zudem wird durch einen Kreditvertrag (dem angeblichen Nichts) lediglich Giralgeld der 2. Stufe unseres Geldsystems geschaffen, nicht aber schon Geld im Sinne von gesetzlichem Zahlungsmittel.

Wer dies alles nicht glauben mag, weil die zahlreichen Erklärseiten im Internet uns etwas anderes weismachen wollen, der kann ja mal auf der FAQ-Seite der Bundesbank zum Thema Geldschöpfung nachlesen.

Über Michael Stöcker

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28 Antworten zu Aufgelesen bei SPON: Endlich verständlich: Wie Zinsen die Welt verändern

  1. Markus Pullmann schreibt:

    Sehr geehrter Herr Stöger,

    ich verfolge Ihren Block nun bereits seit geraumer Zeit aufmerksam und möchte mich an dieser Stelle einfach herzlich für Ihren unermüdlichen Einsatz zur Aufklärung bedanken. Es scheint leider allerdings eine echte Sisyphosarbeit zu sein.

    Herzlichen Gruß

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  2. njhaering schreibt:

    Ehrlich, Herr Stöcker, mit den Erkenntnissen von Eugene Fama über Zins und Inflation aufklären zu wollen, wie das Braunberger in dem empfohlenen Beitrag tut, ist etwa so, wie mit den Erkenntnissen von Papst Benedikt über Empfängnisverhütung aufzuklären.

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  3. Peter Krall schreibt:

    Zur Frage ‚Warum gibt es Zinsen‘ habe ich zwei Ergänzungen:
    1) ‚Banken erzeugen und managen Schuldverhältnisse‘ stimmt natürlich. Hinzu kommt aber: Banken erzeugen Schuldverhältnisse nicht nur, sondern tilgen sie auch. Wobei das Ausmaß der Tilgung in einer Gleichgewichtsökonomie jenem der Erzeugung entsprechen müsste, in einer Wachstumsökonomie darunter liegen kann.
    2) Neben Kosten und Risikien enthalten Zinsen auch die Erwartung, an Produktionsgewinnen aus Implementierung von Innovationen zu partizipieren. Durch Giralgeld stellt das Finanzsystem die Mittel zur Verfügung, die in der physischen Welt den Prozessen der Implementierung technischer Innovation entsprechen. Über die Zinsen partizipieren die Banken, beziehungsweise deren Aktionäre, am Erfolg.

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  4. Christoph Baumgarten schreibt:

    Hallo,

    kurze Frage zu 2) wenn die Zentralbank die Zinsen um x% erhöht (nicht Prozentpunkte!), dann müssten doch die Zinskosten der Banken ebenfalls um ca. x% steigen, wenn die Banken sich in gleicher Weise weiter bei der ZB Geld leihen.
    Ist Ihr Argument, dass diese Kosten verglichen zu den Nichtzinskosten der Banken ohnehin recht gering sind wegen des geringen Bedarfs an Zentralbankgeld?

    Viele Grüße

    Christoph Baumgarten

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    • Michael Stöcker schreibt:

      Hallo Herr Baumgarten,

      vielen Dank für Ihre Frage/Richtigstellung, die meiner umgangssprachlichen Nicht-Differenzierung von Prozent und Prozentpunkten geschuldet ist. Ich meine hier in der Tat Prozentpunkte. Wenn also eine ZB den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte von 0,25 % auf 0,5 % erhöht, dann haben sich die Leitzinsen verdoppelt, sind also um 100 % gestiegen. Dies ist Ihnen sicherlich klar, da Sie ja auf diesen wichtigen Unterschied hingewiesen haben. Sollte die EZB eines Tages der FED folgen und den Hauptrefinanzierungssatz ebenfalls in einem Schritt auf 0,5 % erhöhen, dann wären diese 0,45 Prozentpunkte sagenhafte 900 %.

      Solch hohe Prozentsätze liegen in der Natur der Sache, wenn man von einem sehr niedrigen Niveau aus startet (Nichtkundige fabulieren dann schon mal von einem Wirtschaftswunder). Manche wundern sich dann aber, wenn in gesättigten Märkten (nichts auf dieser Welt wächst mit einem konstanten Prozentsatz) die Zinsen gegen Null laufen. Von daher ist auch die Kritik von Steve Keen ein voller Treffer: The Fed By The Numbers — And Why They Are Wrong

      Sie haben sich Ihre Frage selber beantwortet. Es liegt in der Tat an der geringen Menge an M0 im Gesamtsystem. Und genau darum geht es beim Liquiditätsmanagement der Banken: Um die Minimierung des Bedarfs an Zentralbankgeld und somit um die Kostenminimierung und die Herausbildung eines Marktzinssatzes. Dieser Markt ist allerdings weiterhin nicht existent.

      Tatsächlich sind diese Refinanzierungskosten aber sehr ungleich in Euroland verteilt, da die Bundesbank schon seit geraumer Zeit Nettoschuldner des Bankensystems ist. Die negative Einlagefazilität sorgt hier für einen gewissen Ausgleich.

      LG Michael Stöcker

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  5. EraserFS schreibt:

    Zu 1.) Vollständige Zustimmung.
    Desweiteren lohnt es sich darüber nachzudenken, warum der Darlehensvertrag einer privaten Gesellschaft so fundamental anders funktioniert als der Darlehensvertrag einer privaten Person. Nachdem eine private Gesellschaft nicht mehr darstellt als ein Zusammenschluss von privaten Personen, ist die Ursache gesetzlich begründet. Nicht logisch oder ökonomisch.

    Zu 2.) Ebenfalls richtig.

    Zu 3.) Leitzinsen sind Bestandteil von Marktzinsen (als Kostenfaktor), wie Sie ja selbst im vorherigen Abschnitt erklärt haben. Daraus zu folgern, dass Leitzinssätze auf Marktzinssätze reagieren und nicht umgekehrt ist abwegig.
    Wenn das nämlich der Fall wäre, dann wären Leitzinssätze verzögerte Marktzinssätze und man könnte sich fast die gesamte Zentralbank sparen, da sie eigentlich nicht mehr darstellen würde als eine stat. Behörde, die einen bestimmten Kostenfaktor misst und publiziert. Darüberhinaus hat eine Zentralbank nicht dieselben Ziele wie private Banken. Das folgt schon aus ihrer Definitiion als öffentliche Institution, die – zumindest ihrem Verständnis nach – ein öffentliches Gut (Geld) bereitstellt, statt ein privates Gut. Konsequenz ist das weniger Gewinnmotive verfolgt werden, als abstrakte (eigentlich politische) Ziele wie Wechselkurse, Konjunktur und / oder Vollbeschäftigung.
    Daher ist eine Zentralbank ein Akteur, keine reaktive stat. Behörde.
    In welchem Ausmaß dieser Akteur in der Lage ist seine Ziele zu erreichen, ist eine andere Frage.

    Zu „Geld ist kein Tauschmittel“.)
    Doch das ist es und Sie selbst nennen den Grund, auch wenn Sie ihn anscheinend nicht bemerken. Eine Zahlungsverpflichtung resultiert aus einem zweiseitigen Rechtsgeschäft. Zum einen resultiert diese Verpflichtung überhaupt erst aus einem TAUSCH und zum anderen ist Geld das gesetzlich anerkannte Mittel, um diese Verpflichtung zu erfüllen. Die Formulierung ist hier entscheidend, denn daraus resultiert die Möglichkeit dieser Zahlungsverpflichtung auch anderweitig nachzukommen, bspw. mittels Gütern (welche Geld eigentlich repräsentieren), sofern sich die Vertragsparteien des Rechtsgeschäftes darauf einigen.
    Anders formuliert verpflichten sich beide Seiten eines zweiseitigen Rechtsgeschäfts zur Zahlung. Einer zahlt mit dem gesetzlich anerkanntem Zahlungsmittel, der andere mit der Übereignung irgendeines Gutes oder einer Dienstleistung. Zweiteres kann man sich auch als Geldmittel vorstellen und das spezifische Rechtsgeschäft, das damit beschrieben wird ist Devisenhandel / DevisenTAUSCH. Oder eben Gegenteil, den Tausch von Gut gegen Gut.
    Sie sehen, was Geld eigentlich darstellt, ist sogar in unserer Gesetzgebung kodifiziert.
    Daraus lässt sich auch im Handumdrehen ableiten was ein Kreditvertrag ist: intertemporaler TAUSCH oder eben die Verlagerung zukünftiger Einkommen in die Gegenwart (Kreditnehmer) bei gleichzeitiger Verlagerung der Einkommen der Vergangenheit in die Zukunft (Kreditgeber).

    PS: Mal schauen, ob Sie diesen Kommentar mal wieder veröffentlichen, statt ihn zu verbergen. 😉

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    • Peter Krall schreibt:

      Lieber EraserFS,

      Ihre Ausführungen zu ‚Geld als Tauschmittel‘ sind zwar bis zum Satz ‚Sie sehen, was Geld eigentlich darstellt, ist sogar in unserer Gesetzgebung kodifiziert.‘ kaum zu bestreiten. Der Satz und der letzte Absatz folgen aber nicht aus dem Vorhergehenden.

      Zum einen lässt die gesetzlich festgelegte möglichkeit der Verwendung von Geld als Zahlungsmittel offen, was es sonst noch so alles sein kann. Zum Beispiel kann man sagen, dass Geld den Symbolvorrat bereit stellt, um Schuldverhältnisse in Abhängigkeit von Ereignisverläufen abzubilden – z.B. im Kontext der Abrechnung von Derivaten. In dem Sinn ist dann Geld durch den Gebrauch, der von ihm gemacht wird, noch einiges mehr als es durch die gesetzlich festgelegte Rolle ist. Geld wird also durch die gesetzlichen Regelungen nicht ‚eigentlich‘, sondern allenfalls ‚auch‘ zu einem Tauschmittel.

      Zum anderen kann man durchaus fragen, welche Rolle Geld im Geschäftsverkehr tatsächlich noch hat; insbesondere wenn man darunter jenes von der Zentralbank bereitgestellte Geld versteht, auf das sich die gesetzlichen Regelungen beziehen. Soweit nämlich Geschäfte über den Austausch von Waren oder Dienstleistungen gegen Zahlungsversprechungen oder Hingabe von Ansprüchen erfolgen,die nicht oder jedenfalls nur teilweise durch Besitz von gesetzlichen Zahlungsmitteln gedeckt sind, ist der Geschäftsverkehr vom Zentralbankgeld entkoppelt. Zumindest im Gedankenxperiment ist sogar eine völlige Entkopplung denkbar; wenn die Akteure zum Beispiel nur noch Bitcoins, bzw. Übertragung von Bitcoin-Guthaben (die natürlich auch Bitcoin-Giralgeld sein könnten) akzeptierten. Die gesetzlichen Vorgaben lassen also, auch wenn das eher nicht die Intention des Gesetzgebers ist, die Möglichkeit offen, dass der Gebrauch von ‚Geld im Sinn des Gesetzgebers‘ ganz außer Gebrauch käme und anstelle dessen andere Instrumente zur Abwicklung von Geschäften verwendet würden.

      Der letzte Absatz ist übrigens gar nicht nur hypothetisch. In Ländern mit schlecht funktionierenden Währungen kommt es tatsächlich dahin, dass große Teile des Geschäftsverkehrs völlig ohne Verwendung von ‚Geld im Sinn des jeweiligen Gesetzgebers‘ abgewickelt werden; war lange im ehemaligen Ostblock und Kuba der Fall.

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      • EraserFS schreibt:

        @Peter Krall
        Ich halte die Legaldefinition von Geld nicht für verbindlich, nur wurde die Funktion des Geldes als Tauschmittel explizit mit Rechtsbegriffen in Abrede gestellt. Was merkwürdig ist, nachdem man diese Funktion des Geldes, wie gezeigt, direkt ebenfalls aus der Gesetzgebung ableiten kann.
        Wenn man berücksichtigt, dass Gesetz immer nur kodifiziertes Brauchtum ist, wird auch klar warum Legaldefinitionen nicht verbindlich sind. Gesetze sind nur ein praktischer Spiegel, dessen was gelebt oder in diesem Fall, was wie angewendet wird.
        Geld ist also nicht Tauschmittel und Zahlungsmittel, weil sich das aus der Gesetzeslage ablesen oder herleiten lässt, sondern weil es von den Nutzern von Geld seit jeher als Tausch- und Zahlungsmittel genutzt wird und entsprechend in Gesetzen festgehalten wurde.

        Und ja, der letzte Satz folgt nicht aus der Gesetzeslage, aber er folgt aus der Eigenschaft von Geld als Tauschmittel – Kredit ist intertemporaler Tausch von Einkommen. Ob es sich beim Kredit um Zentralbank- oder Giralgeld handelt ist dafür vollkommen irrelevant, da es für beides gilt (und darüberhinaus auch für Güter; ein „Güterkredit“ ist nur heute eher schwer vorstellbar).

        Dass unser reales Geldsystem so konstruiert ist, dass nicht mehr intertemporale Einkommen getauscht werden, sondern stattdessen auf Basis eines exklusiven Rechts (Banklizenz), aus dem Nichts eine Beteiligung an zukünftigen Einkommen konstruiert wird, ändert nichts am erklärten Zusammenhang. Es zeigt einem aber unter Umständen, wo etwas sagen wir „vielleicht Überdenkenswertes“ existiert.
        Denn einer der praktischen Effekte dieses Systems kombiniert mit stetiger Geldentwertung ist, dass der Finanzsektor an praktisch allen (realen) Investitionen eine Gewinnbeteiligung besitzt, aufgrund des exklusiven Rechts die erforderlichen nominalen Mittel zu erzeugen.
        Über zunehmende Einkommens- und Vermögensungleichheiten braucht man sich also eher nicht wundern, wenn ein Teil restlos aller Gewinne systematisch an den Finanzsektor abgeführt werden muss.

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    • Michael Stöcker schreibt:

      Hallo Herr Schmidt,

      Sie schreiben: „Daraus zu folgern, dass Leitzinssätze auf Marktzinssätze reagieren und nicht umgekehrt ist abwegig.“

      Für Sie und viele andere ist es abwegig. Für Eugene Fama, Fischer Black, Wolfram Engels und auch mich keinesfalls. Fama hatte ich schon via Braunberger verlinkt und hier die Einschätzung von Fischer Black aus dem Jahre 1976 via Perry Mehrling:

      I believe that in a country like the US, with a smoothly working financial system, the government does not, cannot, and should not control the money stock in any significant way. The government does, can only, and should simply respond passively to shifts in the private sector’s demand for money. Monetary policy is passive, can only be passive, and should be passive. The pronouncements and actions of the Federal Reserve Board on monetary policy are a charade. The Board’s monetary actions have almost no effect on output, employment, or inflation.

      Ich hatte hierzu den Post geschrieben: Allmachtsfantasien zur Zinssetzungshoheit. Und hier noch als Ergänzung ein weiterer Link zu Fischer Black.

      Zentralbanken sind wichtig, wenn es zu Liquiditätsstörungen am Markt kommt. Und entstanden sind sie aus privaten Motiven, weniger aus staatlichen, obwohl eine klare Trennung keinesfalls möglich ist. Nicht umsonst verfügen alle Länder mit Reservewährungen über eine lange rechtsstaatliche Tradition. China ist in diesem Punkt noch auf Bewährung. Peter Krall hat die richtigen Hinweise hierzu gegeben; denn Staaten ohne verfassungsrechtliche (Eigentums-)Rechtsordnung haben oftmals Parallelwährungen (im Intershop konnte man sogar ganz legal seine Devisen loswerden, die die DDR so dringend benötigte: http://www.zeit.de/1978/10/honecker-auf-devisenjagd ).

      In unserem aktuellen Geldsystem ist Geld leider kein öffentliches Gut, sondern insbesondere ein Instrument der 1 Prozent, um die eigenen Taschen zu füllen. Und Akteur ist die Zentralbank nur dann, wenn sie die Scherben einer gescheiterten Kreditvergabepolitik des parasitären Finanzsektors zusammenkehren MUSS, um größeren Schaden abzuwehren. Da sind die monetären Gewinne aber schon alle verteilt und wurden für den Zugriff auf die reale Welt der Güter und Dienstleistungen zu Lasten der 99 % verwendet.

      Die Zeit ist in der Tat die wichtigste Dimension in unserem Leben; auch bei Geld und Kredit. Aber die Geschichte mit dem Tausch sollten Sie doch noch einmal überdenken. Bei Perry Mehrling haben Sie hierzu Gelegenheit. Hatte ich gestern bei Braunberger gepostet. Sie hatten sich dort ja auch zu Wort gemeldet.

      Ein paar juristische Hinweise seien mir abschließend noch erlaubt, auch wenn ein gestandener Jurist hierzu sicherlich qualifizierter antworten könnte:

      Aus einem zweiseitigen Rechtsgeschäft entsteht gem. § 241 BGB erst einmal eine schuldrechtliche Leistungsverpflichtung und noch keine Zahlungsverpflichtung. Sofern nichts anderes vereinbart wurde (Grundsatz der Vertragsfreiheit), gelten die gesetzlichen Regelungen hinsichtlich des Leistungsgegenstandes sowie des Leistungsortes.

      Ist in einem Kaufvertrag gem. § 433 nichts anderes vereinbart, so hat der Käufer den Kaufpreis zu zahlen. Eine Zahlung bezieht sich wiederum explizit auf eine Geldschuld. Nicht umsonst differenziert das BGB zwischen Leistungsort (§ 269 BGB) und Zahlungsort (§ 270 BGB). Eine Zahlung ist also eine bestimmte Form der Leistung, die sich aus einem Schuldverhältnis ergibt, sofern nicht einzelvertraglich etwas andere vereinbart wurde. Eine Zahlung bezieht sich wiederum auf das gesetzliche Zahlungsmittel. Und dieses ist wiederum im Bundesbankgesetz im § 14 geregelt: „Auf Euro lautende Banknoten sind das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel.“

      Eine Zahlung ist demzufolge auch juristisch etwas anderes als ein Tausch bzw. ein Bartergeschäft, das einen zu einer Leistung, nicht aber zu einer Zahlung verpflichtet.

      Ihr PS kann ich nicht so richtig einordnen, da ich grundsätzlich alle Kommentare freigebe; es sei denn sie sind grob beleidigend (da gab es mal einen ungehaltenen Vulgär-Marxisten, der sich auf meine Seite verirrt hatte) oder kommen über das Niveau von RTL2 nicht hinaus (bislang nur ein Fall). Und was Beleidigungen angeht, habe ich eine recht große Toleranzschwelle, wie Sie diesem Kommentar entnehmen können.

      LG Michael Stöcker

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      • EraserFS schreibt:

        @Michael Stöcker
        Bezüglich der Zinssetzungshoheit steht mein (oder eigentlich auch Ihr) Punkt. Zentralbankgeld bildet einen Kostenfaktor, der von privaten Kreditbanken im Zins eingepreist wird. Dieser Kostenfaktor bestimmt sich nicht nach Gewinnmotivationen, sondern nach kollektiven Zielen, wie Konjunkturentwicklung und Ähnlichem.
        Nun kann man durchaus die Position einnehmen, dass die konjunkturelle Entwicklung ein Marktergebnis ist (und Wirtschaftswachstum ein volkswirtschaftlicher Gewinn) und Zentralbanken nur auf dieses Ergebnis reagieren. Das Problem dabei ist aber, dass die Zinsen nicht dem Marktergebnis nach angepasst werden, sondern stattdessen entgegengesetzt gehandelt wird, um das zukünftige Ergebnis den eigenen Zielen anzupassen. Tendenziell kennt diese Anpassung nur eine Richtung – nach unten. Damit sinken die eingepreisten Kosten für Kreditbanken. Daher existiert zumindest die Möglichkeit für Kreditbanken, Kredite billiger anzubieten. Ob sie das dann auch tun und warum sie es nicht tun ist eine andere Frage. Damit existiert die aktive Möglichkeit der Beinflussung der Geldmenge im Sinne von Giralgeld.
        Dass die Ergebnisse regelmäßig hinter den Erwartungen zurückbleiben und maßgeblich von der Kreditachfrage abhängen, was ich nebennbei im FAZ-Blog ebenfalls erwähnt habe, ist vollkommen unerheblch dafür, dass eine Zentralbank agiert und nicht nur reagiert.
        Kann man auch in Form einer betriebswirtschaftlichen Analogie nachvollziehen: Rationalisierungen relativ unrentabler Unternehmensbestandteile bzw. Gesundschrumpfung auf Basis der Geschäftslage kennt eine Zentralbank nicht bzw. fasst sie denselbe volkswirtschaftlichen Vorgang als schädlich auf und agiert entsprechend entgegengesetzt, anstatt entsprechend zu reagieren oder schlicht zu erfassen was passiert ist und nicht aktiv einzugreifen.

        Was Ihre jurist. Hinweise anbelangt, konkretisieren sie lediglich meine Aussage. Ohne unterliegendes Tauschgeschäft keine schuldrechtliche Verpflichtung bzw. Verpflichtung die vereinbarte Gegenleistung zu erbringen. Das gesetzlch anerkannte Zahlungsmittel ist lediglich die Gegenleistung, die eine Schuldner immer erbringen kann (nicht muss), auch wenn es dem Gläubiger nicht passt. Oder anders formuliert gibt es keine rechtliche Basis um gegen die Gegenleistung in Form des gesetzlich anerkannten Zahlungsmittels vorzugehen. Ansich trivial. Ändert auch nichts daran, dass dort Geld (Zahlungsmittel) gegen Güter (bezahltes Mittel) oder Geld getauscht wird und Geld damit als Tauschmittel fungiert.

        Zum PS: Komisch, ich erinnere mich noch wenigstens zwei Antworten zu Ihrem Citoyage Blog eingestellt zu haben, die niemals erschienen sind. Aber egal.

        Abschließend sei noch erwähnt, dass ich mir diese Vorlesung von Mehrling, die Sie im FAZ-Blog eingestellt haben, tatsächlich angeschaut habe. Um genau zu sein überfliege ich wenigstens sämtliche Ihrer geposteten Links. Problem ist nur dass ich dagegen aus vielerlei Gründen auch Einwände habe, die im Detail einfach zu aufwändig aufzschreiben sind und sich auch oft wiederholen.
        Im Groben gehe ich ja konform mit Ihrem sowie Mehrling’s Verständnis, nur wie ich schon einige Male hier geschrieben habe, halte ich es für fatal Geldtheorie losgelöst von Gütertheorie zu betreiben, denn es resultiert genau in dem meines Erachtens nach Verständnisfehler, den ich Ihnen beständig vorhalte und den Sie auch desöfteren wiederholen, dass Geldschöpfung der Güterschöpfung vorgelagert ist. Auf diese Idee kommt man schnell, wenn man sich das heute existierende Geldsystem anschaut und auf dieser Basis eine Geldtheorie entwickelt, da es genau diese Annahme impliziert und gewisserweise auch erzeugt.
        Sie ist aber falsch. Es ist exakt umgekehrt. Geld ist Konsequenz von Güterproduktion und Handel. Undzwar unabhängig davon, dass dies heute genau umgekehrt konstruiert ist und fast jede Investition, die in Güterproduktion resultiert, eine Bilanzverlängerung in einer Kreditbank vorausgeht.

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        • Michael Stöcker schreibt:

          Ich sehe schon, wir kommen hier nicht auf einen Zweig. Es wird aber bald einen neuen Beitrag zum Thema Geld geben, der noch eine etwas andere Perspektive auf dieses unverstandene Phänomen bieten wird. Bis dahin sind die Argumente ausgetauscht und müssen nur noch verstanden werden; von welcher Seite auch immer.

          Übrigens: Die Geldtheorie ist bei mir keinesfalls von der Gütertheorie getrennt. Ganz im Gegenteil: Erst der kreditäre Verschuldungsprozess erzeugt eine zukünftige Leistungsverpflichtung: It’s not a bug, it’s a feature! Nur: Solche Schuldverhältnisse müssen natürlich nachhaltig sein und sind meines Erachtens nur über eine stärke fiskalische Redistribution zu schaffen sowie über die Binswangersche Metamorphose des Geldes.

          LG Michael Stöcker

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  6. Der Text ist gut!
    Tut wirklich gut,
    wenn man darüber nachdenkt, was für Unsinn von denen verzapft wird, die meinen in dem Geld und Finanzsektor den Teufel enthüllt zu haben … die falschen (dummen) Revolutionäre und Kapitalismusbekämpfer.

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  7. Nathan schreibt:

    Hallo Herr Stöcker,

    Nachdem ich mich durch diverse Bücher von Geldschöpfungs-Skeptikern („Banken erschaffen Geld einfach aus dem Nichts!“) auf das Thema gestoßen bin, habe ich mich – vor allem auch dank Ihres Blogs – intensiv mit dem Thema befasst. Das Thema ist so komplex, dass selbst Skeptiker, die vermeintliche Fehler im Geldsystem aufzudecken versuchen, oft noch mehr Unwahrheiten verbreiten, was sehr schade ist. Die Links die Sie zum Thema Geld und Geldpolitik verbreiten sind sehr, sehr hilfreich um Klarheit zu schaffen. Danke dafür.

    Nun aber eine konkrete Frage, die ich mir gestellt habe und prompt eine Antwort in den FAQ der Bundesbank gefunden habe (Link im Artikel).:

    Woher stammt das Geld für die Zinsen, die zusätzlich zur gewährten Kreditsumme zurückgezahlt werden müssen?

    Die Bundesbank verweist auf die komplexen Verflechtungen einer Volkswirtschaft, was mir doch erklärungsbedürftig erscheint.

    Wird ein Kredit genutzt um investive Ausgaben zu tätigen erscheint mir die Tilgung des Zinses im Gesamtkontext möglich.
    Bei konsumtiven Ausgaben kann ich rein theoretisch den Zins jedoch nicht tilgen, außer ich nehme das Geld jemand anderem weg. Entsteht so nicht Inflation? (Wirtschaft nicht gewachsen, Geldmenge durch den Zins aber schon)

    Außerdem, selbst wenn ich den Kredit für investive Ausgaben einsetze und somit Wirtschaftswachstum erzeuge, müsste dieses Wirschaftswachstum entsprechend dem Zinseszins nicht auch exponentiell sein, damit keine Inflation entsteht?

    Ich habe hier eindeutig einen Denkfehler, kann ihn aber nicht finden…

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    • Peter Krall schreibt:

      Hallo Nathan,

      Das scheinbare Paradoxon lässt sich aufösen: Die Zinserträge müssen in einem System ohne Wachstum konsumiert werden, dann kann das System im Prinzip beliebig lange stabil bleiben.

      Einfachstes Beispiel, ganz ohne Algebra: Ein Gutsbesitzer mit Frau, dem alles gehört, zehn Bauern, zehn Fischer. Die Bauern müssen dem Gutsbesitzer täglich je 1$ Pacht zahlen.

      Der Gutsbesitzer leiht jeden Tag einem der Fischer 10$ zu einem Zinssatz von 10% für zehn Tage. Der Fischer, der gerade dran ist, kauft dafür von jedem Bauer Vorräte für je 1$. Damit kann also jeder Bauer seine tägliche Pacht zahlen.

      Am nächsten Morgen ist der nächste Fischer dran, einen Kredit aufzunehmen, Vorräte zu kaufen und auszuaufen.

      Nach je zehn Tagen kommt der jeweilige Fischer zurück. Er verkauft einen Fisch an die Frau des Gutsbesitzers und zwar für 11$. Die 11$ gibt er dem Gutsbesitzer, damit hat er Kredit samt Zinsen getilgt. Der Gutsbesitzer gibt die 11$ seiner Frau für die Haushaltskasse, Am Abend essen Gutsbesitzer und Frau den gekauften Fisch. Damit haben sie die Pacht (die implizit als 10$ Vorratskauf im Fisch steckt) und den Kapitalertrag (der Mehrpreis des Fisches gegenüber den Investitionen) konsumiert.

      Am jedem Tag ist der Ausgangszustand wiederhergestellt. Funktioniert, abgesehen von der etwas einseitigen Ernährung, beliebig lang.
      _____
      Was das Beispiel als Seiteneffekt ilustriert, ist: Kapitalerträge müssen tatsächlich in dem Maß konsumiert werden, in dem ihr Volumen das Wirtschaftswachstum übersteigt (genauer gesagt: in dem der Quotient des Anlagevermögens und der Erträge das Produktionswachstum übersteigt). Und genau da schlägt es sich mit der impliziten Erwartung vieler Menschen, die es für natürlich halten, dass man (bzw. Familien) durch Zinsen auf Sparguthaben immer wohlhabender werden könne. Das geht einfach nicht – wenn die Geldmengen schneller wachsen als die Produktion, muss die mitllere Rendite aus realer Wirtschaftstätigkeit gegen null gehen. Man kann das natürlich verdecken, indem man immer neues Geld erzeugt, das als Zinsertrag verbucht wird; dann kommt man aber tatsächlich in eine Spirale, in der immer schneller Geld erzeugt werden muss, um immer höheren Guthaben einen künstlichen Gewinn zu ermöglichen.

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  8. EraserFS schreibt:

    @Nathan
    „Woher stammt das Geld für die Zinsen, die zusätzlich zur gewährten Kreditsumme zurückgezahlt werden müssen?

    Die Bundesbank verweist auf die komplexen Verflechtungen einer Volkswirtschaft, was mir doch erklärungsbedürftig erscheint.“
    Ja, das was die Bundesbank dort geschrieben hat ist Ökonomendenke übersetzt in einfache Worte.
    „Geldmenge und Realwirtschaft entwickeln sich dadurch im Idealfall gleichgerichtet.“

    Meint, Geldmenge steigt bspw. um 2% und die von dieser Geldmenge ausgedrückte Güter- und Dienstleistungsmenge steigt ebenfalls um 2%. Die reale Verzinsung (Wirtschaftswachstum) entspricht in diesem Idealfall exakt der nominalen Verzinsung (Geldmengenwachstum)
    Oder wie die Bundsbank dasselbe formuliert:
    „Fördern beispielsweise die Kredite das realwirtschaftliche Wachstum, dann können aus dem daraus entstehenden Einkommen Kredit und Zinsen zurückgezahlt werden.“

    Und ja, wenn dieser Idealfall nicht eintritt und das Geldmengenwachstum höher ist, als das Wirtschaftswachstum (bspw. weil Kredite sukzessive für Konsumausgaben verwendet werden), dann ist die logische Konsequenz davon Inflation (ob man das als Verbraucherpreisindexanstieg messen kann, ist eine andere Frage).
    Zeigt sich relativ trivial in Form der sog. Fisher Gleichung: Inflation = nom. Zins – realer Zins (Pi = i – r)
    Wenn i > r dann Pi > 0 (Inflation) und wenn i < r dann Pi < 0 (Deflation).

    Herr Krall's Beispiel zeigt das, für mein Dafürhalten ein bisschen kompliziert formuliert, ebenfalls. Dort existiert nur keine Inflation, weil die umlaufende Geldmenge konstant dieselbe ist, bzw. reales und nominales Wachstum gleich sind, nämlich 0 (= r = i).

    Das lässt sich meines Erachtens aber viel einfacher nachvollziehen, wenn man verstanden hat, warum es prinzipiell nichteinmal notwendig ist, die Geldmenge zu erhöhen, um eine Zinsforderung begleichen zu können.

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    • Eberhard Gamm schreibt:

      Das ist alles unnötig komplex. Man muss ich klar machen, dass Zinsen letztendlich nicht mit Geld, sondern mit Realvermögen „bezahlt“ werden. Dazu ein einfaches Beispiel: Eine Bank vergibt einen Kredit über 1000 Euro für 1 Jahr zu einem Zinssatz von 3% an die Firma Küchen-XYZ. Dabei wird die Geldmenge um 1000 Euro erhöht. Anschließend kauft die Bank bei Küchen-XYZ eine Kaffeemaschine für 30 Euro. Dabei wird die Geldmenge um 30 Euro erhöht. Nach einem Jahr zahlt Küchen-XYZ den Kredit inklusive Zinsen zurück. Dabei wird die Geldmenge um 1030 Euro verringert. Die Geldmenge hat sich nicht verändert, aber die Bank hat jetzt die Kaffeemaschine. Das ist der „reale“ Zins.

      In Kreditblasen nimmt sowohl die Kreditmenge als auch der Zinssatz in der Regel zu. Dadurch wächst das Zinsvolumen schneller als die Banken ihre Ausgaben (z.B. Boni …) erhöhen können. In diesem Fall können die Zinsen tatsächlich nur durch eine zunehmende Verschuldung aufgebracht werden. Die Kreditnehmer schaufeln dadurch ihr eigenes Grab. Anstelle einer kontinuierlichen Übertragung des „realen“ Zinses an die Banken tritt dann der Konkurs der Kreditnehmer, bei dem die Banken die Konkursmasse übernehmen, was quasi einer „Groß-Ausgabe“ der Banken entspricht. Der Unterschied zwischen einer kontinuierlichen Entwicklung und einem Boom-Bust-Szenario liegt demnach nur darin, dass der „reale“ Zins im ersten Fall kontinuierlich, im zweiten Fall dagegen stoßweise an die Banken fällt.

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      • Peter Krall schreibt:

        Nein, Herr Gramm, die Komplexität ist keineswegs unnötig. Tatsächlich stehen nämlich den Geldbeständen welcher Art auch immer keine unveränderten Mengen physischer Objekte gegenüber. Vielmehr wird über den Austausch von Symbolen ein ständiger Prozess der Produktion und Konsumption moduliert. Und in Ökonomien, in denen der Symbolgebrauch die Definition verzinster Schuldverhältnisse beinhaltet, ist dieser Prozess der Produktion und Konsumption auch nicht einfach zyklisch. Im Mittelalter, vor der Entstehung eines modernen Banksystems, gab es wenig Kaffeeautomaten. Was insofern weniger gestört hat als es auch keine Kraftwerke, kein Stromnetz und (in Europa)keinen Kaffee gab.

        Auch wenn man nicht ins Mittelalter zurückschauen will, findet man relativ leicht heraus, dass die physische Welt keineswegs unveränderlich ist. Mein erstes Computer 1979 hatte 640k RAM (ich bin halt ein Dinosaurier), meine ersten Autos hatten kein ABS, keine Airbags, die Fenster meiner Wohnungen waren viel schlechter, und, und, und… Und die Produktionsanlagen, in denen alle diese Dinge hergestellt wurden, waren auch sehr viel weniger automatisiert. Ach ja, dass man Komponenten für irgendwas im Internet sucht und dann ebenso leicht aus Malaysia wie aus Bochum bestellen kann, war auch nicht so – noch nicht mal vor 10 Jahren.

        Wie nun das System von Giralgeld, Zinsen und fraktionaler Reserve damit zusammenhängt, dass darüber eine hoch dynamische, evolvierende Ökonomie gesteuert wird, und keine statische wie im Mittelalter, das herauszufinden ist ein Aufgabe für die Theoretiker. Da ist noch viel zu tun. Aber eine Voraussetzung, um weiter zu kommen, ist die, die Komplexität des Systems zu akzeptieren.

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        • Eberhard Gamm schreibt:

          Herr Krall,

          ich habe nicht behauptet, dass das System zyklisch ist. Allerdings neige ich als Fachbuchautor dazu, zunächst einmal den primären Effekt aufzuzeigen und dann sekundäre und tertiäre Effekte zu ergänzen. Es liegt in der Natur der primären Effekte, dass sie die sekundären und tertiären Effekte nicht beinhalten.

          Ein Elektrotechniker muss zuerst lernen, dass eine Diode primär eine exponentielle Kennlinie hat. Sekundär muss er dann wissen, dass es sich um zwei exponentielle Anteile handelt, von denen der Eine bei kleinen und der Andere bei großen Strömen dominiert. Tertiär muss er dann wissen, dass die beiden Anteile nicht wirklich exponentiell sind, sondern dass es zahlreiche Abweichungen gibt. Zäumt man das Pferd dagegen von hinten auf und versucht, praktische Effekte anhand des vollständigen Gleichungssatzes einer Diode, wie er in Schaltungssimulatoren verwendet wird, zu beurteilen, führt das ebenfalls zu Diskussionen, in denen man sich tertiäre Effekte um die Ohren haut und dabei die primären Effekte übersieht. Einen Elektrotechniker, der den Gleichungssatz einer Diode aufsagen kann, aber nicht in der Lage ist, ein praktisches Problem auf der Basis des primären Effektes zu beurteilen, darf man getrost als Fachidioten bezeichnen.

          Ein typisches Beispiel ist das Thema Zinsen. Ich habe den primären Effekt hier herausgearbeitet: https://www.xing.com/communities/posts/was-bestimmt-die-hoehe-der-zinsen-1014114477. Sie werden mir selbstverständlich auch hier wieder Unterkomplexität vorwerfen, aber man muss zuerst den primären Effekt verstanden haben, bevor man sich der Frage zuwendet, wie das Ergebnis durch sekundäre und tertiäre Effekte modifiziert wird. Sonst landet man nämlich bei der Meinung, dass Herr Draghi den primären Effekt setzt.

          Die Vorgänge in einem komplexen System können Sie aber in der Regel ohnehin nicht mehr verbal erfassen. Da hilft dann nur noch die numerische Simulation. Wenn Sie von vorne herein die „vollständige“ Lösung suchen, müssen Sie ehrlicherweise zuzugeben, dass das mit verbalem Räsonieren nicht mehr möglich ist. Diese Lösung kann auch der Elektrotechniker nur durch Versuch oder Schaltungssimulation erhalten.

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      • EraserFS schreibt:

        Das war keine unnötig komplexe Erklärung, sondern eine volkswirtschaftliche Erklärung.
        Im Kontext von Zentralbanken ist dieser Erklärungsansatz die bessere Option in Relation zu betriebswirtschaftlichen Analogien.

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        • Eberhard Gamm schreibt:

          Die Geldschöpfung ist bekanntlich privatisiert und erfolgt nach betriebswirtschaftlichen Rendite-Gesichtspunkten und nicht nach volkswirtschaftlichen Bedürfnissen. Die Folgen sind hinreichend bekannt, siehe http://www.ibega.de/Geld(un)ordnung.pdf . Realwirtschaftliche Krisen gibt es schon lange nicht mehr. Alle Krisen gehen von der monetären Seite aus, ohne realwirtschaftliche Ursachen. Die beiden Zitate des Ex-Bundesbank-Direktors Rolf Gocht bringen die Sache auf den Punkt.

          Theoretisch könnte die Welt so funktionieren, wie Sie das beschreiben. Praktisch tut sie das aber nicht.

          Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass alle linken Regierungen über kurz oder lang die Wirtschaft und die Staatsfinanzen ruinieren? Die Ursache ist kurz vor trivial. Geld entsteht überwiegend durch die Kreditaufnahme der Unternehmen. Unter einer linken Regierung erwarten die Unternehmen eine Politik, die zu Lasten ihrer Renditen geht, und schränken deshalb ihre Kreditaufnahme ein, und zwar umso stärker, je stärker das Unternehmen „gehebelt“ ist (hier wird also nicht „aufgehebelt“, sondern „abgehebelt“). Dadurch nimmt die Geldmenge ab. Das verursacht eine Krise. Krisen wiederum bekämpfen linke Regierungen bevorzugt mit staatlichen Investitionsprogrammen, also mit Staatsverschuldung. Das hellt die Stimmung der Unternehmen aber nicht auf, sondern führt nur zu einer zunehmenden Substitution von Unternehmenskrediten durch Staatskredite. Das Ende ist absehbar und entspricht genau dem, was Rolf Gocht in dem längeren der beiden Zitate zum Ausdruck bringt.

          Wenn Sie Krisen vermeiden wollen, müssen Sie einen Indikator besonders im Auge behalten: die Bruttokreditvergabe. Sie korreliert am stärksten mit dem Zahlungsvolumen, das wiederum das beste Maß für die wirtschaftliche Aktivität ist.

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  9. Nathan schreibt:

    @Peter Krall & EraserFS,

    Danke für eure Ausführungen. Das ist mir jetzt klar geworden.

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  10. Eberhard Gamm schreibt:

    Banken wollen Gewinne machen. Daraus folgt:

    https://www.xing.com/communities/posts/was-bestimmt-die-hoehe-der-zinsen-1014114477

    Das wird auch durch aktuelle empirische Untersuchungen bestätigt:

    https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921800916307510

    Ferner: Sven-Olaf Vathje: Endogene Geldmenge und Bankenverhalten

    http://www.duncker-humblot.de/index.php/endogene-geldmenge-und-bankenverhalten.html

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  11. Peter Krall schreibt:

    Tut mir leid, ich halte die Ansichten von Herrn Gamm für völlig verfehlt. Wenn wir schon schräge Analogien bringen: So, als wollte man den Effekt von Sprache für menschliche Gesellschaften primär so beschreiben, dass der Geräuschpegel steigt, wo gesprochen wird,

    Meiner Meinung nach ist der wesentliche Punkt im Zusammenhang mit Zinsen der, dass über die indirekte Verbriefung von Rechten zur Partizipation (Zinsen-Risiko) die Allokation zukünftiger Ressourcen gesteuert wird. Wenn ein Unternehmen einen Kredit aufnimmt, dann steht der nicht für vorhandenes Korn, das aus einem Lagerhaus kommt, sondern für Arbeit, Güter, Dienste, die erst zu produzieren sind. Aus der Differenz zwischen den Erwartungswerten für den Geldwert dieser zukünftig zu produzierenden Ressourcen und dem Wert der damit ermöglichten Produktion werden die Zinsen finanziert. Das ist kein unbedeutender Seiteneffekt, sondern das Erfolgsprinzip des Kapitalismus. Dass es allerdings zu technischen Problemen kommt, dass vor allem derzeit die vorhandenen Geldmengen in einem Verhältnis zum Produktionszuwachs stehen, das keine vernünftige Verzinsung mehr zulässt, ist eine andere Sache.

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    • Eberhard Gamm schreibt:

      Herr Krall,

      es wurde hier gefragt, woher das Geld für die Zinsenzahlungen für die Kredite kommt. Die primäre Antwort lautet, dass (1) bei jeder Zahlung einer Bank an eine Nichtbank die Geldmenge erhöht wird, (2) bei jeder Zahlung einer Nichtbank an eine Bank die Geldmenge verringert wird und (3) die für Banken die Gleichung (Kreditzinsen + Provisionseinnahmen) = (Guthabenzinsen + Provisionsausgaben + Betriebsaufwand + Betriebsergebnis) gilt. Das Geld für die linke Seite wird durch die rechte Seite geschaffen. Vereinfacht und ohne Betriebsgewinn: (Netto-Zinsen + Netto-Provisionen) = Betriebsaufwand. Das ist keine verfehlte Ansicht, sondern Saldenmechanik. Das Geld für die Netto-Zinsen entsteht also durch den Betriebsaufwand der Banken, durch den die Geldmenge erhöht wird. Wie sich die einzelnen Posten im Wirtschaftsverlauf verändern, ist eine andere Frage. Ebenso die Frage, wie sich eine generelle Geldmengenerhöhung auswirkt. (Nach wie vor sehr lesenswert ist die Diss von Josef Ackermann: Der Einfluss des Geldes auf das reale Wirtschaftsgeschehen.)

      Da es keine „physikalische Umwandlung“ von Geld in Güter und umgekehrt gibt, ist die monetäre Sphäre eine abgeschlossene Sphäre mit eigenen Erhaltungssätzen. Wie sich die Kaufkraft im Wirtschaftsverlauf entwickelt, ist wiederum eine andere Frage, die mit der Frage, woher das Geld für die Zinsen kommt, nichts zu tun hat. Sie hat auch nichts damit zu, wie das Geld, das für die Zahlungsempfänger des Bankaufwands erzeugt wurde, in die Hände der Kreditnehmer gelangt, die es durch ihre Zinszahlung an die Bank wieder vernichten, einschließlich der Frage, ob das unter bestimmten Bedingungen einfach oder schwierig oder unmöglich ist.

      Ich war übrigens Programmierer im Bankwesen und darf Ihnen versichern, dass die Festlegung des allgemeinen Zinsniveaus für Kredite im Rahmen der Banksteuerung genau nach dem von mir genannten Kriterium erfolgt: Maximierung des Zinsvolumens. Das ist auch logisch. Das, was hier verfehlt ist, ist Ihre Durchmischung verschiedener Fragestellungen zu einem Gebräu, das zwar Dieses und Jenes liefert, aber auf die eigentliche Frage keine Antwort gibt. Klares Denken beginnt mit klarer Abgrenzung.

      Meine Sichtweise zum Thema Zinsniveau finden Sie nicht in der Literatur, sondern im Quellcode der Banksteuerungssoftware.

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  12. Eberhard Gamm schreibt:

    Die Antwort auf die Frage, warum es Zinsen gibt, ist fundamental einfach, und lautet: Weil die Kreditnehmer bereit sind, Zinsen zu bezahlen. Die Kreditnehmer haben Projekte vor Augen, zu deren Realisierung sie Resourcen benötigen, zu deren Beschaffung sie wiederum Zahlungsmittel benötigen. Diese Zahlungsmittel werden privatwirtschaftlich „hergestellt“ (= Giralgeldschöpfung) und unterliegen einer betriebswirtschaftlichen Rendite-Maximierung durch die „Hersteller“ (= Geschäftsbanken). Die für die Rendite maßgebliche Größe ist das Zinsvolumen, d.h. das Produkt aus Kreditmenge und Zinssatz. Die „Hersteller“ müssen demnach das Zinsvolumen maximieren, d.h. sie müssen den Zinssatz „finden“, bei dem die Zinszahlungsbereitschaft der Kreditnehmer maximal ausgenutzt wird. Ein „Hersteller“, der das nicht tut, ist dumm. Die „Hersteller“ interessieren sich deshalb auch nicht die Bohne für volkswirtschaftliche Zinstheorien. Ihre Aufgabe sehen sie in der Maximierung der Dividenden für ihre Aktionäre. Sie nutzen dabei ihr Monopol im Zahlungsverkehr aus, um über einen Boom-/Bust-Mechanismus Geld aus den Taschen der Steuerzahler in die Taschen der Aktionäre zu schaufeln: Die Gewinne in der Boom-Phase fließen in Dividenden und Boni, die Verluste in der Bust-Phase übernimmt der Steuerzahler.

    Solange die Volkswirtschaftler in ihrer Scheinwelt baden und die realen Abläufe ignorieren, besteht für Leute wie Ackermann oder Draghi kein Grund, ihr freches Grinsen einzustellen. Die wichtigste Frage bei der Untersuchung von Abläufen, die durch Machtstrukturen geprägt sind, lautet: Cui bono?

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