Marx Reloaded

Karl Marx war seiner Zeit weit voraus. Nachdem Das Kapital 150 Jahre lang durch die Kapitalisten bekämpft wurde, wird Marx nun durch den Pontifex Maximus des Kapitals rehabilitiert. Ausgerechnet der Chef der historisch bedeutsamsten und zweitältesten Notenbank der Welt begeht einen doppelten Tabubruch: Er hat eine extrem politische Rede gehalten und sich dabei auch noch auf Karl Marx berufen. Es ist höchste Zeit für ein neues/altes Denken, bevor uns die politischen Ereignisse samt Lumpenproletariat überrollen: Der Pöbel des Karl Marx und die Ränder der Gesellschaft.

Hier ist die bemerkenswerte Rede von Mark Carney im Original zu lesen und zu hören. Das Handelsblatt hat eine kurze Zusammenfassung veröffentlicht.

Wie man die von Carney in seiner Rede thematisierte Ungleichheit bekämpfen kann, hatte ich vor drei Jahren unter Punkt II. und Punkt VIII. eines 10 Punkteplans für Europa beschrieben.


Auch der Deutschlandfunk hat der Causa Marx eine sechsteilige Serie gewidmet: Aktuelle Brisanz der Marxschen Kategorie.

Die geldpolitischen Kontroversen des 19. Jahrhunderts sind im Kontext der Eurokrise aktueller denn je: Karl Marx über die Peelsche Bankakte von 1848.

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Das kollektive Versagen

1909 schuf die Universität Zürich für Albert Einstein ein Extraordinariat für Theoretische Physik, da er keine Anstellung an einer anderen Hochschule erhielt. Am Semesterende reichte er wie alle Dozenten seine Klausurfragen ein. Am folgenden Tag kam das Sekretariat auf ihn zu und sagte: „Herr Dr. Einstein, diese Fragen wurden letztes Jahr hier schon gestellt.“ Einstein lächelte und sprach: „Das ist schon in Ordnung. Die Fragen sind dieselben geblieben, nur die Antworten haben sich geändert.“ Weiterlesen

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Debitismus ad Infinitum

Dr. Daniel Stelter hatte mich vor kurzem gebeten, doch einmal zu erklären, weshalb eine Notenbank in einem zweistufigen Geldsystem die Grundprinzipien des Debitismus aushebeln könne.  Dies ist der Hintergrund für den heutigen Beitrag, der dann doch wieder etwas länger ausgefallen ist als ursprünglich gedacht. Wer keine drei Seiten lesen möchte, der findet eine Kurzantwort im Blog von Dr. Stelter. Hier nun die vor acht Tagen angekündigte längere Version. Weiterlesen

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Sola fide oder Der kreditäre Irrtum des Martin Luther

Anlässlich des beginnenden einjährigen Gedenkjahres zur Vorbereitung des 500. Reformationsjubiläums möchte ich heute einen Abschnitt aus dem Essay Die monetäre Krise des Kapitalismus wiedergeben, den ich bereits zu Beginn dieses Jahres veröffentlicht hatte. Am 31.10.1517 hatte Martin Luther seine 95 Thesen öffentlich gemacht und dabei insbesondere den Ablasshandel als Finanzinnovation des Mittelalters zum Erhalt und Ausbau der Macht ins Zentrum seiner Kritik gestellt. Man könne sich nicht durch die Tat (Kauf des Ablassbriefes) von seinen Sünden freikaufen. Allein der Glaube (sola fide) sei es und nicht das Werk. Aber auch dieser revolutionäre Gegenentwurf reicht allein nicht aus für die Erlösung und das Seelenheil, aber das sola fide ist die notwendige Voraussetzung hierfür. Allerdings bedarf es zur Vollendung dann doch noch des Werkes. Hierum geht es in diesem Kapitel: Um den Irrtum des Martin Luther, der sich in seiner berechtigten Papstkritik zu einseitig auf den Ablasshandel konzentrierte und somit das positive Werk aus dem Auge verlor. Die neue Einheit von Glaube und Werk ist zugleich ein Anknüpfungspunkt für die ökumenische Bewegung und somit für die partielle Überwindung des 2. großen Schismas. Weiterlesen

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Ein geldpolitisches Manifest für Europa

Der Bestand der Europäischen Union – und somit der Friede in Europa – sind ernsthaft gefährdet. Die Hauptursache hierfür sind falsche Theorien über die ökonomische Wirklichkeit sowie eine fehlerhafte Konstruktion des Eurosystems; allerdings ist dieser Fehler an einer ganz anderen Stelle zu verorten, als allgemein angenommen wird. Insbesondere in Deutschland setzten sich diese neuen Erkenntnisse nicht durch, da diese Krise zur Zeit noch überwiegend jenseits der deutschen Grenzen stattfindet. Tatsächlich ist aber Deutschland mit seinen merkantilistischen und austeritätspolitischen Vorstellungen inzwischen international weitgehend isoliert.

Was sind also nun die wirklichen politischen und ökonomischen Ursachen dieser schweren Krise? Fünf zentrale Problembereiche werden im Folgenden kurz erläutert und sodann eine Lösungsstrategie aufgezeigt, die im Hinblick auf ihre Umsetzungschancen weitaus realistischer ist als der Rettungsplan, der vor wenigen Tagen von führenden Köpfen der internationalen Politik vorgestellt wurde. Weiterlesen

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Kapitalismus in der Krise?

So lautet die provokative Überschrift eines Papiers von Carl Christian von Weizsäcker, dessen Kernthesen er gestern auf einer internationalen Veranstaltung der Universität Leipzig zum Thema Zero Interest Rate Policy and Economic Order vorgestellt hat. Nachdem William White mit seinem bemerkenswerten Vortrag Montagabend die Messlatte schon sehr hoch gelegt hatte, legte von Weizsäcker nach und räumte mit einer Vielzahl von gängigen Mythen auf, die insbesondere die deutsche, aber eben auch die internationale Debatte dominieren. Weiterlesen

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Die monetäre Krise des Kapitalismus

Eine systemtheoretische Analyse von Schuld und Schulden

Der Kapitalismus befindet sich schon seit einigen Jahren in einer schweren systemischen Krise, die mit den alten Rezepten der Geld- und Wirtschaftspolitik nicht mehr gelöst werden kann. Diese Krise ist systemischer Natur und hat ihre Ursache in zu geringen Wachstumsaussichten in gesättigten Märkten. Damit fehlt die wesentliche Antriebsmotivation, die das kapitalistische  System so erfolgreich gemacht hat und droht nun in eine globale Abwärtsspirale zu münden, die nicht nur den materiellen Wohlstand bedroht sondern zugleich die Freiheit und das friedliche Zusammenleben der Völker.

Der Kapitalismus verdankt seinen Namen dem Fremdkapital. Dieses Fremdkapital wird durch das Bankensystem im Rahmen eines vertraglichen Schuldverhältnisses erzeugt. Durch einen Bankkredit wird also schon heute zusätzliche Kaufkraft erzeugt, die auf eine zukünftige Leistungserbringung ausgerichtet ist. Es ist der Schuldendruck des Kreditnehmers, der die Gegenwart mit der Zukunft verbindet. Dies ist der größte blinde Fleck der Ökonomie, der bis zum heutigen Tag weder erforscht, geschweige denn verstanden worden ist. Auch nicht von den Marxisten.

Im Zentrum der folgenden Analyse wird daher insbesondere das durch Schuldverhältnisse determinierte Wirtschafts- und Geldsystem stehen und zugleich die soziale und religiöse Dimension von Schulden in ihrem historischen Kontext beleuchtet. Denn nur dann, wenn wir die Funktionsweise und die Grenzen des Kapitalismus verstanden haben, können wir die richtigen Maßnahmen zur Bekämpfung dieser schweren Krise ergreifen. Es ist – neben dem Klimawandel – die zentrale gesellschaftliche Herausforderung in diesem Jahrhundert. Jeder Tag, den wir hier verstreichen lassen, bringt uns dem systemischen Kollaps näher. Und kollabierende Systeme reagieren chaotisch und sind nicht mehr kontrollierbar. Die Geschichte der Menschheit der letzten 5000 Jahre kennt hierzu zahlreiche Beispiele.

This time isn’t different. Dies haben die zwei Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in Bezug auf die Finanzkrisen der letzten 800 Jahre klar und deutlich herausgearbeitet. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter: Es ist genau so, wie es in der Menschheitsgeschichte schon immer war. Es ist eine Geschichte von Macht, Ausbeutung und Unterdrückung. Der Klassenkampf hat nie geendet, wir wurden lediglich in einer vergangenen Phase der Sozialen Marktwirtschaft temporär sediert. Diese Krise ist allerdings globaler Natur und somit viel größer als alles andere, was wir bislang gesehen haben.

Hier geht es zur vollständigen Analyse: Die monetäre Krise des Kapitalismus (PDF-Datei 270 KB)

update 21.02.2016: Nun hat auch das Zentralorgan der deutschen Wirtschaft die Krise des Kapitalismus ausgerufen. Die Chefredakteurin der Wirtschaftswoche, Miriam Meckel, schreibt in ihrer wöchentlichen Kolumne:

Es steht nicht gut um die europäischen Banken: kein Zeichen für eine neue Finanzkrise, sondern für eine Krise des Kapitalismus.

update 07.03.2016: Nach der Wirtschaftswoche ruft nun auch Mervyn King – von 2003 bis 2013  Gouverneur der britischen Zentralbank – die Krise des Kapitalismus aus:

The crisis was a failure of a system, and the ideas that underpinned it, not of individual policymakers or bankers

Und hier noch ein Beitrag von Michael Hudson in der FAZ von 2011. Immer noch hoch aktuell.

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