Keynesianische Revolution 2.0


Zwei der einflussreichsten internationalen Ökonomen der Gegenwart − Larry Summers und Olivier Blanchard − haben unter der Headline Back to the Future die zweite keynesianische Revolution ausgerufen und die deutschen Medien berichten hierüber mit keiner einzigen Zeile. Das ist unglaublich.

Weitere Teilnehmer dieser hochklassigen Konferenz des eher konservativ ausgerichteten Peterson Institute for International Economics waren unter anderem:

  • Ben Bernanke (ehemaliger Präsident der Federal Reserve)
  • Mario Draghi (amtierender Präsident der EZB)
  • Andy Haldane (amtierender Präsident der Bank of England)
  • Philipp Hildebrand (ehemaliger Präsident der Schweizer Nationalbank)
  • Stanley Fischer (ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der Federal Reserve)
  • Robert Rubin (ehemaliger Finanzminister unter Bill Clinton)
  • Benoît Coeuré (Direktoriumsmitglied der EZB)
  • Lael Brainard (Direktoriumsmitglied der FED)
  • Barry Eichengreen (amerikanischer Ökonom)
  • Carmen Reinhart (amerikanische Ökonomin)

Da versammelt sich die gesamte internationale ökonomische Elite und ruft die keynesianische Konterrevolution aus und die Medien hüllen sich in stoisches Schweigen; ganz so, als hätte jemand per Ukas ein Nachrichtenverbot verhängt. Oder war es nur die kognitive Dissonanz? Ungläubigen Widerstand gab es lediglich von Robert Rubin. Kein Wunder, da er unter ähnlich glücklichen Umständen Finanzminister war (1995 – 1999) wie Wolfgang Schäuble. Während in der Clinton Ära die amerikanischen Unternehmen und Haushalte für die Kreditexpansion sorgten, war es unter Schäuble das Ausland (siehe Grafik weiter unten).

Quelle: Wikipedia

Die Politik der schwarzen Null firmierte damals unter dem Kofferwort Rubinomics. Rubin und Summers waren übrigens seinerzeit für die Liberalisierung der Finanzmärkte verantwortlich, die letztlich die zentrale Ursache für die Finanzkrise 2007/2008 war. Clinton hatte 2010 öffentlich bedauert, auf den Rat von Rubin und Summers gehört zu haben.

Damit sich die Medien nicht dem Vorwurf der völligen Ignoranz aussetzen, hat die FAZ eine Nebelkerze gezündet und im FAZIT über ein Thesenpapier von Gita Gopinath berichtet, bei dem es allerdings eher um einen Nebenkriegsschauplatz ging (flexible Wechselkurse). Und damit auch gar keine Zweifel aufkommen, dass die schwarze Null sakrosankt ist, lautete der unmittelbar folgende Beitrag im FAZIT: Soll der Staat wirklich so viel Geld ausgeben?

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Da wird in einer öffentlichen Konferenz zu einer 180-Grad-Wende in der Wirtschafts- und Finanzpolitik aufgerufen und die deutschen Medien hüllen sich in Schweigen. Die Macht der schwarzen Null  − denn genau diese wurde von Summers und Blanchard zur Disposition gestellt − hat Europa im germanischen Würgegriff. Wie schrieb so passend ein ehemaliger IWF-Ökonom und Hedge Fonds Manager:

While Germans make terrible macroeconomists, they make formidable accountants.

Der Link zu den terrible macroeconomists führt übrigens zu Hans-Werner Sinn, der auch im Unruhestand weiterhin die öffentliche Meinung dominiert.

Hier nun in 9 Minuten die Kernaussagen von Summers und Blanchard aus ihrem Vortrag als Kurzfassung:

 

Wer mehr Zeit hat, der sollte sich unbedingt die gesamte Session anschauen (3,5 h):

 

Alle weiteren Vorträge, Diskussionen und Papers dieser Konferenz sind hier verfügbar: Rethinking Macroeconomic Policy.

Rethinking Macroeconomic Policy bedeutet insbesondere, sich von den Trugschlüssen der Verallgemeinerung mikroökonomischer Analysen nicht in die Irre führen zu lassen. Wie sehr die kollektive mikroökonomische Fehlprogrammierung im Kontext der schwarzen Null zu immer wieder sinnlosen Aussagen führt, zeigt diese Formulierung von Carsten Linnemann in einem Beitrag für die WirtschaftsWoche mit der Headline Jamaika darf neu denken:

Mir ist jedenfalls kein Beispiel auf diesem Globus bekannt, wo Verschuldung langfristig zu Wachstum und Beschäftigung geführt hat.

Carsten Linnemann ist Chef der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU, hat in VWL promoviert und als Assistent bei Norbert Walter (ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bank) gearbeitet. Die fundamentale Bedeutung eines Kreditgeldsystems sowie des Kreditzyklus im Finanzkapitalismus scheint komplett an ihm vorbei gegangen zu sein (wie an vielen anderen übrigens auch).

Einer MUSS in einem Kreditgeldsystem IMMER die Schulden machen, damit es nicht zu einem Absturz des Gesamtsystems kommt.

Idealerweise sind dies die Unternehmen. Dieses Ideal gab es in Deutschland insbesondere bis in die 70er Jahre:

Quelle: MAKROSKOP

Da aber mittlerweile immer mehr Unternehmen ebenfalls zu Nettosparern mutiert sind,

bleibt nur noch der Staat oder aber das Ausland (USA, Großbritannien, Griechenland, Portugal, Italien…) als Schuldner der letzten Instanz übrig, um einen Systemabsturz zu verhindern. It’s the credit cycle, stupid!

Selbstverständlich könnte man auch das Ziel der schwarzen Null weiterhin verfolgen, müsste aber sodann die Nettosparer dieser Republik deutlich höher besteuern oder aber auf eine weitere Verschuldungsbereitschaft des Auslands hoffen und vertrauen. Gerade letzteres würde allerdings gegen die bestehende Rechtsordnung verstoßen, da Deutschland bereits 1967 aus sehr guten Gründen ein Stabilitätsgesetz  eingeführt hatte, das als ein wesentliches Ziel das außenwirtschaftliche Gleichgewicht beinhaltet. Hier der Wortlaut von § 1 im Original:

Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, daß sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.

Damit die keynesianische Konterrevolution nicht durch die Verschuldungsgrenzen des Europäischen Stabilitätspakts ausgebremst wird, hatte ich im Ökonomenblog Makronom eine alternative Finanzierung der dringend nötigen Investitionen in Bildung und Infrastruktur über ein zentralbankfinanziertes Bürgergeld in die Diskussion eingebracht: 14 Argumente für ein zentralbankfinanziertes Bürgergeld. Ohne Paywall auch hier.

Die Zeit ist reif für eine Überprüfung der eigenen unerschütterlichen Gewissheiten über die Rolle des Staates und der Unternehmen in einer reifen Volkswirtschaft.

Sapere aude!


Lediglich zwei deutschsprachige Zeitungen haben über diese Konferenz berichtet:

Und als besondere Empfehlung hier der Hinweis auf die Sendung Die Anstalt vom 7. November mit dem Schwerpunkt kollektive Fehlprogrammierung durch die Mont Pèlerin Society.

Wie gewohnt zum Schluss noch einige weitere Leseempfehlungen:


 

Über Michael Stöcker

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
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6 Antworten zu Keynesianische Revolution 2.0

  1. Stefan Freichel schreibt:

    Hallo Herr Stöcker,

    da hat sich die lange Wartezeit auf einen neuen Beitrag von Ihnen voll gelohnt. Werde die nächsten Wochen damit verbringen Ihre Empfehlungen anzuschauen und zu verarbeiten.

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  2. enricon schreibt:

    Ein ständiges Wirtschaftswachstum ist in der realen Welt nicht möglich. Höchstenfalls in der irrealen Welt der „Finanzwirtschaft“, der Scheinwirtschaft.

    Volkswirtschaftliches G-W-G‘ ist also nur bei ständigem Wachstum möglich. Und ständiges Wachstum ist wie gesagt aber eben nicht möglich. Das bedeutet: G-W-G‘ geht volkswirtschaftlich gesehen, gar nicht. Wächst die Wirtschaft nicht, werden die Gewinne der einen Unternehmen zu den Verlusten der anderen. Und unter diesen Aussichten investiert keiner. Es kommt zur Deflation. Dieses Problem ist seit weit mehr als hundert Jahren bekannt.

    Trotzdem wird es immer wieder ausgeblendet.

    Die sogenannte Citoyage wäre ein funktionierender Ausweg, da dadurch das gegenseitige Vernichten und Verdrängen der Unternehmen abgeschwächt werden kann, Die Unternehmen haben einen Grund zu investieren, auch wenn die Wirtschaft gerade nicht wächst, denn es gibt in der Gesamtheit immer genügend Tilgmittel.

    Das gleiche würde für das Modell „Taxos“ gelten. Beim Taxos-Modell finanziert sich der Staat so, wie es heute schon die Banken machen (dürfen): Zuerst Ausgaben machen und danach diese Ausgaben wieder tilgen. Die Banken machen das, wenn sie z.B. die Gehälter an ihre Beschäftigten oder ihre Lieferanten bezahlen. Sie bezahlen sie mit Sichtguthaben des Hauses und ziehen diese wieder per Zinsforderung ein. Im Taxosmodell zahlt der Staat seine Lieferanten und Beschäftigten mit selbst geschöpften Taxos und zieht diese wieder im Rahmen von Steuerforderungen ein. Das Prinzip ist das gleiche.

    Diese beide Vorschläge sind seit vielen Jahren bekannt. Aber anscheinend interessiert das niemand in der Fachwelt. Da kommen dann nur so Nebelkerzen wie das „Vollgeld“-Modell vor. Vorschläge, die bisherige, fortschrittliche Überlegungen völlig ignorieren und mit unsinnigen alten Vorstellungen in neuen Kleidern überdecken.

    Es erscheint mir wirklich sehr seltsam, warum diese Ignoranz herrscht. Cui bono?

    LG, enrico

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  3. Jürgen Ökonom schreibt:

    Die Sparquote wird schon abnehmen, wenn immer mehr Menschen in Rente gehen und ihren gewohnten Lebensstandard möglichst beibehalten möchten – ein Unterschied zu früheren Rentnergenerationen, die in bescheideneren Verhältnissen aufgewachsen waren.

    Der Staat kann daher heute nicht noch mehr Schulden machen, da die Rentner dann auch mal was von ihrem Konto abheben möchten. Bleiben – eigentlich ganz natürlich – die privaten Investitionen als Stellgröße.

    Das sinnvollste wäre eine CO2-Abgabe, die die (fossilen) Energiepreise im Schnitt mindestens verdoppelt, und damit private Investitionen in erneuerbare Energien genauso auslöst wie private Investitionen in die Dämmung und Modernierung des Hausbestands und dergleichen. Ersteres würde dann in der volkswirtschaftlichen Rechnung die Salden der Unternehmen ins negative ziehen (soweit sie frisches Kapital für ihre Investitionen benötigen), die Hausmodernisierung senkt rechnerisch die private Sparquote, weil das wie eine Konsum betrachtet würde. Wäre zugleich eine sinnvolle Vorbereitung auf den demografischen Wandel, weil Energieimporte durch Kapital ersetzt würden.

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    • Michael Stöcker schreibt:

      Und Sie glauben ernsthaft, dass es den Rentnern zukünftig besser geht, wenn sie etwas von ihrem Konto abheben, aber nicht mehr in gewohnter Weise zum Supermarkt mit ihrem autonomen Auto fahren können, weil die Straßen und Brücken unbefahrbar sind? Der heutige Verzicht auf (Erhaltungs)Investitionen senkt den Kapitalstock in der Zukunft und somit das allgemeine Wohlstandniveau. Und das ganze privat zu finanzieren ist doch auch keine sinnvolle Lösung für die 99 %. Ich empfehle Ihnen das Papier von Carl Christian von Weizsäcker, einem der wenigen echten deutschen Kapitalmarktexperten: Kapitalismus in der Krise?

      Statt einer CO2-Abgabe würde ich eine generelle Energiesteuer auf jede Art von nicht-regenerativer Energie erheben; also auch auf Kernenergie, da es dem Klima reichlich egal ist, wodurch es sich erwärmt. Fangen wir mit 10 % an und lassen diesen Prozentsatz degressiv über die Jahre fallen. Aber vielleicht ist dies auch gar nicht nötig, wenn wir ein transeuropäisches Energienetz aufbauen und dabei Afrika und den nahen Osten ebenfalls integrieren:

      LG Michael Stöcker

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  4. Jürgen Ökonom schreibt:

    Die Ersparnis der Unternehmen ist zum Teil die Folge geänderter steuerlicher Bedingungen, z.B. ist Thesaurieren von Gewinnen oft vorteilhafter als frühere „schütt aus – hol zurück“ Vorgehensweisen. Außerdem wirkt sich die Beliebtheit von Aktienrückkäufen aus. Vielleicht sollte man dafür eingesetztes Geld genauso besteuern wie Dividendenausschüttungen, es handelt sich ja auch um Geld, dass den AKtionären zufließt (und nur ein Teil davon muss die Erlöse versteuern).

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  5. Synergiewende schreibt:

    Hat dies auf Synergiewende, rebloggt.

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