Die Leiden des jungen W.

Antinomien der geldpolitischen Wünsche des Jens Weidmann.

Herr Weidmann, wie auch die meisten anderen Zentralbankchefs dieser Welt, ist zurzeit nicht zu beneiden. Als Vertreter der Deutschen Bundesbank hat er zum einen die Interessen der Bürger Deutschlands zu vertreten, ist aber andererseits zugleich auch Vertreter der Interessen des Eurosystems und damit direkt oder indirekt verantwortlich für alle Bürger Europas.

Die Zentralbanken müssen als lender of last resort nolens volens den Ausputzer für die Fehler der entfesselten Finanzmärkte spielen. Für das aktuelle Desaster trägt zwar der Finanzsektor die Hauptverantwortung, aber auch die Politik, die sich unter einer rotgrünen Bundesregierung dem damaligen Zeitgeist entsprechend am Nasenring einer parasitären Finanzoligarchie hat vorführen lassen, muss sich ihrer Verantwortung stellen. Auf deren Druck, gestützt durch die Effizienzmarkthypothese eines Eugene Fama, wurden Regeln außer Kraft gesetzt, scheininnovative FinanzPRODUKTE zugelassen, Steuern reduziert sowie die staatliche Altersversorgung zugunsten einer angeblich kapitalgedeckten privaten Altersvorsorge geschliffen. CDU und FDP standen daneben und haben offen Beifall geklatscht. Die gesamte politische Elite einschließlich der Deutschen Bundesbank hat sich mitschuldig gemacht. So war eben der damalige Zeitgeist. Die einsamen Rufer in der Wüste wurden als Ewiggestrige verspottet.

Nun ist das Kind in den Brunnen gefallen und keiner hat eine rechte Vorstellung davon, wie man es dort wieder hinaus bekommt. Von der Politik sollten wir da nicht allzu viel erwarten. Der ökonomische Sachverstand ist, wie die aktuellen Koalitionsverhandlungen zeigen, wenig bis gar nicht ausgeprägt. Aber selbst bei den Ökonomen prallen die Widersprüche diametral aufeinander. Sie kämpfen immer noch die alten Schlachten von gestern und die Kakophonie wird immer lauter. Als wenn es darum ginge, ob einer recht hatte oder irrte. Wir alle haben Fehler gemacht und sind falschen Theorien aufgesessen. Zu dumm, dass viele es immer noch nicht gemerkt haben.

So scheitert auch Jens Weidmann zurzeit an seinen eigenen Widersprüchen. In einem Vortrag beim Wirtschaftstag der Volks- und Raiffeisenbanken hat er gestern zu den Herausforderungen des Niedrigzinsumfelds gesprochen.  Folgende zwei Aussagen von Herrn Weidmann (die in ähnlichem Wortlaut heute auch von Herrn Dombret vorgetragen wurden) möchte ich hier wiedergeben:

Für mich ist es daher wichtig, Sorge dafür zu tragen, dass negative Realzinsen kein Dauerzustand werden und die Geldpolitik nicht zur Gefangenen der Politik oder der Finanzmärkte wird.

Gerade angesichts der Belastungen, die sich in den nächsten Jahrzehnten aus dem demographischen Wandel ergeben, sollte die Staatsschuldenquote beizeiten zügig zurückgeführt werden.

Herr Weidmann wünscht sich hier zwei Entwicklungen, die sich diametral widersprechen. Eine Rückführung der Staatsverschuldung muss zwingend zu weiteren Zinssenkungen führen, da eine alternde Bevölkerung wegen der Aushöhlung der gesetzlichen Rente vermehrt sparen muss aber leider keine soliden Schuldner mehr findet. Oder wünscht Herr Weidmann eine höhere Verschuldung von Frankreich oder Italien? Wenn sich aber keiner mehr verschulden soll, dann finden die Ersparnisse auch keine Abnehmer mehr. Wie in einem solchen Umfeld die Zinsen steigen sollen, ist wohl nicht nur für Ökonomen ein ewiges Geheimnis. Die Magier des Geldes sind mit ihrem Latein am Ende. Die Politik, mit ihrer selbstgesetzten Schuldenbremse, ist es ebenfalls. Wir haben uns in eine Sackgasse manövriert.

Die einzige Institution, die uns hier herausführen kann, ist die EZB. Dafür braucht sie aber Mehrheiten und die Einsicht in die normative Kraft des Faktischen. Die EZB ist die einzige Institution die einen Ausweg aus diesem gesamteuropäischen Dilemma weisen kann.

Aus diesem Grund hatte ich für Herrn Weidmann die Geschichte vom Kleinen Milton und der Dicken Bertha geschrieben. Sie weist den Weg aus dem Schulden-/ Vermögensdilemma, ohne dass es zu radikalen Friktionen kommen muss. Es besteht zwar ein kleines Restrisiko einer möglicherweise höheren Inflation als 2 Prozent, aber selbst eine hierdurch induzierte Inflationsrate von 5 oder 6 Prozent ist besser als die destruktiven Kräfte, die derzeit Europa zu spalten drohen. Die Fliehkräfte am rechten Spektrum nehmen zu und die aktuellen Zahlen zum Wirtschaftswachstum sind mehr als alarmierend. Wenn auch noch Frankreich kippt, dann bricht Europa auseinander. Die aktuellen Zahlen von Eurostat künden von einem Rückgang des BIP in Frankreich von 0,5 Prozent in Q. II auf jetzt – 0,1 % in Q. III. 

Die Deutsche Bundesbank ist die einzige Institution, zu der die Deutschen volles Vertrauen haben. Nutzen Sie diesen Vertrauensvorschuss Herr Weidmann und setzen Sie sich für eine geldpolitische Neuorientierung ein. Die Zentralbank gewinnt so wieder die geldpolitische Hoheit und muss sich nicht mehr am Nasenring einer parasitären Finanzoligarchie vorführen lassen. Geld ist eine Allmende und sollte dem Wohl aller Bürger dienen. Ihre Vorschläge zu den notwendigen strukturellen Reformen im Süden sind alle richtig und wichtig; aber sie werden im Chaos enden, wenn die EZB ihr Inflationsziel nach unten verfehlt. Setzen Sie ein positives Zeichen für Europa und führen eine negative zentralbankfinanzierte Einkommensteuer ein. Es handelt sich hierbei nicht um monetäre Haushaltsfinanzierung und sollte von daher ohne Gesetzesänderung im Rahmen des EZB-Mandats möglich sein. Erobern Sie die geldpolitische Hoheit zurück, damit die EZB ihr Mandat zum Wohle der Bürger Europas ausüben kann.

update 15.11.2013
Die globale Elite fürchtet den Aufstand der Massen
Wir müssen aus dieser Gleichgültigkeit raus
„Wir bauen auf und tapezieren nicht mit – Wir sind sehr stolz auf Katarina Witt“
The Money Trap

Über Michael Stöcker

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
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Eine Antwort zu Die Leiden des jungen W.

  1. wolfgang.kloetzer schreibt:

    Nun denn, so sind wir also doch wieder ein wenig zusammen gerückt. „…..Das wir Fehler gemacht haben… in der Vergangenheit“ ? Was also nun auch diverse Wissenschaftler und Politiker leise und dennoch hörbar zugestehen, aber, und da sind wir eben doch weit auseinander, Lösungen haben sie keine “ wie das Kind aus dem Brunnen zu holen ist – Fehlanzeige“! Alle was sie so von sich geben ist Halbwahrheit, ist Augenauswischerei und sie wissen es selbst genau! Dazu.. müsste , sollte, dürfte man – wer auch immer,… Staat, Eliten, Bürger, Mitmenschen, Zentralbank, Bundesbank …wie sich doch die Worte gleichen!
    Aber da wären ja doch die, der von vielen als“ Linke “ verschrienen Menschen, gemachten Vorschläge, die Lösungen bringen können, die alle samt nur an einer Kleinigkeit scheitern würden weshalb sie eben nicht umgesetzt werden, nämlich der Tatsache das dann Teile der Oberschicht, auf Teile ihrer märchenhaften Reichtümer verzichten müssten, für dessen Erwerb ein normales Menschenleben, auch über mehrere Generationen hinaus, nicht ausgereicht haben dürfte! Unnötig hier darüber zu streiten woher es gekommen und wie es zusammengeraubt worden ist! Bleibt die Tatsache, dass es zur Lösung des Geldproblems nötig wäre Verzicht zu üben und eine gerechtere Verteilung zu sichern.
    Dazu ist es überhaupt unerheblich, ob Gelb Schwarz, oder Blau Grün, oder Violett Weis, oder wer auch immer an der Macht war und ist, wenn wirklich eine Lösung gefunden, nein durchgesetzt werden sollte! Womit wir ja wieder beim Ausgangspunkt der Debatte wären – 10 Punkte Plan!
    Übrigens: Wo ist denn nun heute die so gerühmte Verantwortung von Kapital für die Gemeinschaft, dessen Besitz ja verpflichten sollte, da hört man ja nichts mehr davon , warum wohl nicht?
    Ein Schelm wer Arges dabei denkt!

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