Die monetäre Krise des Kapitalismus

Eine systemtheoretische Analyse von Schuld und Schulden

Der Kapitalismus befindet sich schon seit einigen Jahren in einer schweren systemischen Krise, die mit den alten Rezepten der Geld- und Wirtschaftspolitik nicht mehr gelöst werden kann. Diese Krise ist systemischer Natur und hat ihre Ursache in zu geringen Wachstumsaussichten in gesättigten Märkten. Damit fehlt die wesentliche Antriebsmotivation, die das kapitalistische  System so erfolgreich gemacht hat und droht nun in eine globale Abwärtsspirale zu münden, die nicht nur den materiellen Wohlstand bedroht sondern zugleich die Freiheit und das friedliche Zusammenleben der Völker.

Der Kapitalismus verdankt seinen Namen dem Fremdkapital. Dieses Fremdkapital wird durch das Bankensystem im Rahmen eines vertraglichen Schuldverhältnisses erzeugt. Durch einen Bankkredit wird also schon heute zusätzliche Kaufkraft erzeugt, die auf eine zukünftige Leistungserbringung ausgerichtet ist. Es ist der Schuldendruck des Kreditnehmers, der die Gegenwart mit der Zukunft verbindet. Dies ist der größte blinde Fleck der Ökonomie, der bis zum heutigen Tag weder erforscht, geschweige denn verstanden worden ist. Auch nicht von den Marxisten.

Im Zentrum der folgenden Analyse wird daher insbesondere das durch Schuldverhältnisse determinierte Wirtschafts- und Geldsystem stehen und zugleich die soziale und religiöse Dimension von Schulden in ihrem historischen Kontext beleuchtet. Denn nur dann, wenn wir die Funktionsweise und die Grenzen des Kapitalismus verstanden haben, können wir die richtigen Maßnahmen zur Bekämpfung dieser schweren Krise ergreifen. Es ist – neben dem Klimawandel – die zentrale gesellschaftliche Herausforderung in diesem Jahrhundert. Jeder Tag, den wir hier verstreichen lassen, bringt uns dem systemischen Kollaps näher. Und kollabierende Systeme reagieren chaotisch und sind nicht mehr kontrollierbar. Die Geschichte der Menschheit der letzten 5000 Jahre kennt hierzu zahlreiche Beispiele.

This time isn’t different. Dies haben die zwei Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in Bezug auf die Finanzkrisen der letzten 800 Jahre klar und deutlich herausgearbeitet. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter: Es ist genau so, wie es in der Menschheitsgeschichte schon immer war. Es ist eine Geschichte von Macht, Ausbeutung und Unterdrückung. Der Klassenkampf hat nie geendet, wir wurden lediglich in einer vergangenen Phase der Sozialen Marktwirtschaft temporär sediert. Diese Krise ist allerdings globaler Natur und somit viel größer als alles andere, was wir bislang gesehen haben.

Hier geht es zur vollständigen Analyse: Die monetäre Krise des Kapitalismus (PDF-Datei 270 KB)

update 21.02.2016: Nun hat auch das Zentralorgan der deutschen Wirtschaft die Krise des Kapitalismus ausgerufen. Die Chefredakteurin der Wirtschaftswoche, Miriam Meckel, schreibt in ihrer wöchentlichen Kolumne:

Es steht nicht gut um die europäischen Banken: kein Zeichen für eine neue Finanzkrise, sondern für eine Krise des Kapitalismus.

update 07.03.2016: Nach der Wirtschaftswoche ruft nun auch Mervyn King – von 2003 bis 2013  Gouverneur der britischen Zentralbank – die Krise des Kapitalismus aus:

The crisis was a failure of a system, and the ideas that underpinned it, not of individual policymakers or bankers

Und hier noch ein Beitrag von Michael Hudson in der FAZ von 2011. Immer noch hoch aktuell.

Über Michael Stöcker

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34 Antworten zu Die monetäre Krise des Kapitalismus

  1. DerMonetarian schreibt:

    Fein recherchierter, und wie ich finde, inhaltlich sehr gelungener Artikel (PDF).
    BG
    Holger Lang

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  2. rubycon schreibt:

    Es fehlt ein Link zu Georg Simmel, um Geld zu erkennen.
    http://www.digbib.org/Georg_Simmel_1858/Philosophie_des_Geldes

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  3. EraserFS schreibt:

    Ein Kapitalist, der Teil eines gesättigten Marktes ist, kann per Voraussetzung der Sättigung nicht aus Geld mehr Geld machen wollen.
    Zumindest unter der rationalen Voraussetzung, dass Geld nicht um seiner selbst angestrebt wird, sondern um es, wann auch immer gegen was auch immer einzutauschen. Denn dann wäre Ziel des Geldmachens „mehr Sättigung“ zu erreichen, was den Begriff der Sättigung ad absurdum führt.
    Unter der irrationalen Voraussetzung, dass Geld um seiner selbst angestrebt wird, existiert offenkundig keine Sättigung an Geldmitteln und eine Sättigung könnte mittels entsprechend hohen Bilanzverlängerungen erreicht werden, damit alle Menschen die entsprechend notwendig hohen Geldbeträge ihr eigen nennen können.

    Die Problematik der Knappheit des Geldes lässt sich in diesem Geldsystem per Knopfdruck beseitigen. Davon hat aber niemand etwas außer weiterhin knappe Güter/ Dienstleistungen und Ressourcen mit entsprechend mehr Geldeinheiten bemessen zu müssen, womit wir dann wieder beim Anfangsproblem sind, dass Geld um seiner selbst willen nutzlos ist und keine Sättigung erreicht werden kann (geschweige denn gegeben war).

    So oder so, Marktsättigung und die Motivation der Renditesteigerung schließen sich logisch gegenseitig aus. Nachdem Ihre gesamte Argumentation auf diesen beiden Prämissen aufbaut, ist sie meiner Ansicht nach hinfällig.

    Und ja, „Zeit ist Geld“. Auch und vorallem im physikalischen Sinne. Denn Güter sind zielgerichtete Zustandsänderungen von Faktoren oder eben anderen Gütern bzw. Ressourcen. In gewisserweise lässt sich die Richtung der Zustandsänderungen auch von Unordnung zu Ordnung beschreiben, was man durchaus als Negentropie interpretieren kann. Geld ist in diesem physikalischen Sinne ein Maß der Negentropie der knappen Ressource Lebenszeit.
    Aber das ist ersteinmal nur eine fixe Theorie über die ich nur kurz laut nachdenken wollte.

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    • rubycon schreibt:

      Negentropie für den Lebensfaktor Zeit – finde ich sehr schön und interessant.
      Denke ähnliches, bezeichne das als Rezeprozität des Stock- und Cash-Systems für eine Geldrechnung.
      Krux ist, man kann die End-, Reversibiltätspunkte, -zustände nicht vorherberechnen, voraussagen. Sie sind individuell, unique verschieden. Oder anders gesagt : Geschichte wiederholt sich nie gleich.

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    • rubycon schreibt:

      Ein Violinenspieler hat ein wunderbares Modell. Warum versucht trotzdem ein Instrumentenbauer ein neues Instrument zu schaffen?
      Gibt es den perfekten Klang oder müssen wir uns mit dem heutigen vergnügen?
      Ja / Nein ?

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      • rubycon schreibt:

        Zufall :
        hier sind Antworten zu Preis, Wert und Markt
        http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/interview-mit-stargeiger-eine-goldene-stradivari-hoeren-sie-sofort-14025002.html
        Bitte um Nachsicht für den ökonomischen Schwenk.

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        • Michael Stöcker schreibt:

          Vielen Dank für diesen Schwenk. Ich zitiere mal die aus meiner Sicht wichtigsten Passagen:

          Herr Yu ist ein weiser Mann, würde ich sagen (…) Er kauft Geigen auch nicht nur als Wertanlage. Er weiß: Geigen müssen arbeiten. (…) Ich glaube, Holz muss schwingen. Geigen in den Tresor zu legen, das ist grundsätzlich schlecht für den Klang. Alte Geigen werden als sichere Wertanlage gehandelt, immer mehr Geigen verschwinden vom Markt, das treibt den Preis hoch. Aber sie werden so nicht mehr wert, sondern weniger.

          Nicht nur die Geldakkumulation führt zu Stillstand und Tod, sondern die Akkumulation aller Dinge um ihrer selbst willen: http://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/a-687831.html

          LG Michael Stöcker

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      • EraserFS schreibt:

        Drei mir bekannte „Violinenspieler“ meinten dazu, dass der Klang dem König zu gefallen hat, mühelos in Ekstase versetzen muss sowie, dass man sich irgendeiner Tradition von Violinenbauplänen anzuschließen hat, um überhaupt gehört zu werden.
        Kommt also darauf an, wen man fragt.

        Der Analogie, dass sich Geschichte nicht wiederholen kann, kann ich denke ich noch folgen. Nur dass ich in dieser Hinsicht eher innerhalb eines komplexen Systems denke, das dieselbe Dynamik nicht zweimal zeigen kann.
        Den Begriffen, die Sie dafür verwenden, kann ich aber nicht folgen („Rezeprozität des Stock- und Cash-Systems für eine Geldrechnung“).
        Haben Sie das mal irgendwo ausformuliert?

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  4. sadoma schreibt:

    Danke für diesen nicht nur inhaltlichen sondern auch sprachlich sehr guten Artikel. Der letze Absatz ist auch mein Erkenntnisstand.

    „Wir stehen hier vor einem historischen Wendepunkt, der darüber entscheiden wird, ob sich die 99 % durch die 1 % weiterhin kujonieren lassen und wir in einer Plutokratie enden oder aber den friedlichen Wandel mit einer demokratisch verankerten Zentralbank hinbekommen, die zukünftig die Interessen aller Bürger Europas gleichberechtigt anerkennt und auch danach handelt. Die monetäre Frage ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts.“

    „Leider“ wird nach dieser Erkenntnis ein Getriebener da man sich nicht mehr durch Passivität zur Gegenwart verhalten kann ohne vor sich selbst Schuldig zu werden. Daher auch mein bescheidenes Engagement in diversen „Blogs“.

    Ich freu mich schon auf Ihre Vorschläge zur Reformation im nächsten Artikel. Ich selbst bin in der Vollgeldbewegung aktiv und habe durch die Lektüre des Buchs „Geld und Schuld“ von Raimund Diez (http://www.metropolis-verlag.de/Geld-und-Schuld/817/book.do) dass Georg Simmels Überlegungen sehr gut neu erklärt viel gelernt und wieder etwas mehr Optimismus für eine mögliche Reform der Geld-Ordnung gewonnen.

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    • Michael Stöcker schreibt:

      Ja, man wird ein Getriebener. So ist das nun einmal, wenn man vom Baum der Erkenntnis gegessen hat. Fortan lebt man in Sünde durch Unterlassung. Ist meines Erachtens ein ganz neuer exegetischer Erklärungsansatz des Sündenfalls.

      Wenn Sie in der Vollgeldbewegung aktiv sind, dann nehmen Sie bitte meine Hinweise zur Vollgeldkritik ernst. Norbert Häring hat mich – so scheint es mir zumindest – in diesem Punkt noch nicht richtig verstanden. Es ist zwar letztlich nur eine Marginalie, sie ist aber entscheidend für die logische Stringenz. So wie jedenfalls Huber in der Vergangenheit argumentiert hat (fraktionales Reservesystem), kann nichts Sinnvolles bei herauskommen. Denn die ‚Fraktion‘ ist eine Chimäre des gescheiterten Monetarismus. Elementar für ein korrektes Verständnis sind die zwei Begriffe Hybridität und Hierarchie. Hier scheint es ein echtes Verständnisproblem zu geben, wie diese Nicht-Diskussion mit Herrn Wolkenspalter jüngst gezeigt hat.

      Apropos bescheidenes Engagement. Immanuel Wallerstein bringt es am Ende seines Vortrags auf den Punkt: Jeder von uns kann ein Schmetterling sein und – dem Internet sei Dank – damit einen kleinen Beitrag leisten, der die Machtverhältnisse in ein neues Gleichgewicht bringt.

      Aus diesem Grund habe ich diesen Artikel zum Thema Schuld und Schulden verfasst. Jetzt muss er ’nur‘ noch über die sozialen Netzwerke verbreitet werden. Jeder von uns kann dabei ein Schmetterling sein. Hier kann sich die Kraft eines Schneeballsystems umkehren und statt der 1 % profitieren hiervon die 99 %. Wer also jetzt ein Schmetterling sein möchte, der nutze seine Email-Verteiler und/oder seine sozialen Netzwerke. Jeder einzelne von uns ist hier gefordert. Es reicht nicht, sich nur zu empören, wir müssen auch handeln.

      LG Michael Stöcker

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      • sadoma schreibt:

        Hallo Herr Stöcker,

        ich habe Ihren Links folgend versucht Ihre Vollgeldkritik zu verstehen, es ist mir bis dato leider nicht gelungen. Ich habe auch an einer Vorlesung-Reihe von Perry Mehrling teilgenommen und die Hierarchie der Zahlungs-Systemordnung verstanden. Ich sehe aber keinen Wiederspruch zur Vollgeldreform, auch dort wird weiterhin zwischen Kredit und Vollgeld unterschieden.

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        • Michael Stöcker schreibt:

          Aus Zeitgründen verweise ich auf diesen Kommentar.

          LG Michael Stöcker

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        • sadoma schreibt:

          Ich vermute mal das dies Ihre Kern-Kritik ist:

          „Das eigentliche Problem ist also nicht die Kreditgeldschöpfung, sondern die Geldakkumulation (nicht zu verwechseln mit der marx’schen Kapitalakkumulation)“

          Einverstanden, aber die Vollgeldeinführung bedeutet ja nicht dass man die Geldakkumulation außer acht läßt, hier lassen sich durch staatliche Steuerung Lösungen finden. Die Vollgeldreform/Monetative ist meiner Meinung nach eine gute Initiative um die Bedeutung von Geld-Ordnungsfragen auf den Bildschirm breiter Bevölkerungsgruppen und damit auch auf die politische Bühne zu heben. Heute wissen doch unsere politischen Eliten gar nicht wie die aktuelle Geldorndung aussieht (manche Bank-Eliten wissen das auch nicht).

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        • Michael Stöcker schreibt:

          Lieber sadoma: Jein.

          Geldakkumulation ist ein großes Problem, aber auch ohne Geldakkumulation fehlt in gesättigten Märkten die Antriebsenergie, wenn die zu erwartenden Renditen unter ein gewünschtes Mindestmaß sinken.

          Und ja, wie sollen unsere politischen Eliten unser Geldsystem verstehen, wenn noch nicht einmal unsere ökonomischen Eliten und Banker/Zentralbanker dieses System verstehen. Ich hatte mich im Mai letzten Jahres um ein wenig Aufklärung bemüht: http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2015/04/vollgeld-und-der-schweizer-franken/

          Aber woher soll denn die Erleuchtung kommen, wenn sogar die SNB noch immer das Märchen der Banken als Geldverleiher der Sparer auf ihrer Website als Wahrheit verkündet: https://www.snb.ch/d/welt/portrait/banks/4.html

          Von daher stößt die Vollgeldbewegung eine wichtige Diskussion an. Das Problem dabei ist allerdings, dass uns die Zeit davonläuft und die Fehler in der logischen Stringenz der Vollgeldbewegung die richtige Zielsetzung diskreditieren kann.

          Als Politiker bleibt man dann bei den alten Methoden, solange die Fachleute noch herum laborieren. Und dann kommt es zu Entwicklungen, die die gesamte Diskussion in Vergessenheit geraten lässt (wie nach WK II) und ein neuer Zyklus aus Wachstum und Destruktion nimmt seinen verhängnisvollen Lauf.

          Aber: Es gibt immer Hoffnung.

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      • sadoma schreibt:

        „Von daher stößt die Vollgeldbewegung eine wichtige Diskussion an. Das Problem dabei ist allerdings, dass uns die Zeit davonläuft und die Fehler in der logischen Stringenz der Vollgeldbewegung die richtige Zielsetzung diskreditieren kann.“

        Gerade weil uns die Zeit davon läuft bin ich (vor zwei Monaten) der Vollgeldbewegung beigetreten. 15-Jähriger Intellektueller-Geld-Onanierung war mir dann doch zu wenig. Ihr viel größeres Engagement finde ich vorbildlich jedoch sollten Sie Ihre „Einzelkämfpermentalität“ überdenken und stärker auf die wenigen, kleinen Gruppen hineingehen um an Stringenzverbesserung mitzuarbeiten. Als viele Einzelkämpfer wird die Zeit noch schneller davonlaufen.

        P.S. Ich gehe davon aus dass der Geld-Ordnungs-Umbau zwei Generationen benötigen (Altes Denken muss oft erst Aussterben). Natürlich müssen wir das Gröbste bis 2030 geleistet haben. Wie gesagt Transformationszeit 😉

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  5. felsberger2012 schreibt:

    Sehr geehrter Herr Stöcker,

    Die Krise des Kapitalismus im Geldsystem verordnen zu wollen, ist ein perspektivischer Irrtum. Alles hängt vom Betrachtungszeitraum ab: Kurzfristig mag es zu Perioden exzessiver Überschuldung (=Inflation) oder Unterschuldung (=Deflation) kommen, langfristig heben sich diese Tendenzen auf. Der kurzfristige Modus des Kapitalismus heisst Krise, man kann von ihm immer nur ein Hin- und Herschaukeln um einen Gleichgewichtspunkt „optimaler Verschuldung“ erwarten, niemals eine statisches Fixierung dieses Punktes. Das Geldsystem arbeitet wie ein Fahrrad, das auf einer Spur entlang fährt, mal nach rechts, mal nach links kippt, und doch die Spur nie verläßt. Läßt man die Frage des Betrachtungszeitraumes ausser Acht, dann kann einem das kurzfristige Schaukeln als Krise erscheinen, obwohl bei langfristiger Betrachtung das System im Lot ist. Die Unterschuldungs-Krise seit 2008, nur um Ihnen ein Beispiel zu geben, ist die Reaktion auf die Überschuldungs-Krise von 1990 bis 2007. Eine falsche Justierung des Betrachtungszeitraumes legt hingegen den Schluss nahe, dass wir seit 2008 in einer Systemkrise sind.

    Wir wissen heute, wie wir den Punkt der „optimalen Verschuldung“ zu ermitteln hätten: Er wird durch den Kapitalstock zu Kaufpreisen determiniert. Für die gesamte Welt (ohne Staaten) gilt: „Netto-Forderungen der Haushalte = FK des Unternehmenssektors = Kapitalstock zu Kaufpreisen – EK des Unternehmenssektors.“ Überschuldung heisst in diesem Zusammenhang, dass das EK des Unternehmenssektors gegen Null geht. Unterschuldung heisst: dass das EK des Unternehmenssektors immer mehr anwächst. Seit 2008 sind wir exakt in dieser Phase: weltweit dehnen die Unternehmen ihre EK/FK-Quote aus. Vor 2008 war der gegenteilige Prozess im Gang: Die EK/FK-Quote sank ab. Gleichgewicht herrscht dort, wo die „optimale“ EK-FK-Quote erreicht ist. Wir können diese nicht exakt fixieren, wir erkennen sie nur an ihren Wirkungen: Die Konkurse im Unternehmenssektor nehmen ab, die Preise bleiben stabil, das Rad fährt ruhig. Vieles spricht dafür, dass wir in den nächsten Jahren noch einige Unternehmenskonkurse erleben müssen, bevor wir diesen Punkt erreichen.

    Im Gegensatz zu vormodernen Epochen hat der Kapitalismus als erstes Weltsystem die Entschuldung systemisch eingebaut: Unternehmen gehen in Konkurs, Forderungen der Haushalte werden vernichtet. Wenn überhaupt, ist es das mangelnde Vertrauen der Menschen in diesen Schuld-Vernichtungsmechanismus, der die Überschuldungskrise in Form von zunehmender Staatsverschuldung latent macht, niemals aber die mangelnde Bereitschaft der Unternehmen zur Schuldenvernichtung. Die Staaten drängen weltweit auf Schuldenkonservierung. Sie agieren wie Versicherungen, die durch Konkurs vernichtete Forderungen in ihre eigenen Bücher nehmen. Wollte man daher dem Kapitalismus eine langfristige Überschuldungstendenz andichten, dann sollte man auf die Staaten schauen, und nicht auf die Unternehmen. Diese Bereitschaft fehlt vielen Menschen, vor allem jenen, die gewohnt sind Marx seit je mißzuinterpretieren. Ich spreche, Sie wissen es, von der Sozialdemokratie, die ja heute bis weit in die bürgerlichen Kreise hineinreicht. Wir leben in einem Zeitalter der sozialdemokratischen Verdummung.

    Wer hingegen Marx ernst und beim Wort nimmt, und immerhin: er ist der Einzige, der „Krise“ jemals denken konnte, der kann das Problem nur in der Technologieentwicklung fixieren, in der zunehmenden Unmöglichkeit Martausdehnung und Rationalisierung auszutarieren. Immer mehr Menschen werden arbeitslos und überflüssig, die Märkte wachsen nicht in dem Ausmaß und in der Geschwindigkeit, um die Rationalisierungseffekte des Systems zu kompensieren. Für mich ist ganz klar, dass die hysterische Diskussion über die Mängel des Geldsystems, die nicht zufällig seit 2008 einsetzte, auf eine falsch justierte Perspektive zurückzuführen ist. Lange, nachdem diese Überschuldungskrise überwunden und vergessen ist, werden uns die Rationalisierungstendenzen des Systems noch immer plagen. Wir werden steigende Arbeitslosigkeit auch dann erleben, wenn wieder ausreichend Verschuldung ins System gepumpt wird. Die Krise des Kapitalismus ist eine langfristige, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zunimmt, und die zu ihrer Bekämpfung alternativer Lebens- und Arbeitsformen bedarf, und nicht einer Geldreform. Man muss die „Überflüssigen“ endlich sich selbst in Bewegung setzen lassen anstatt sie weiter mit Staatsverschuldung zu alimentieren. Man muss mehr Vertrauen in die Menscheit haben…..

    LG
    Alfred Felsberger

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    • Jenenserin schreibt:

      … der kann das Problem nur in der Technologieentwicklung fixieren, in der zunehmenden Unmöglichkeit Martausdehnung und Rationalisierung auszutarieren. Immer mehr Menschen werden arbeitslos und überflüssig, …..
      Ich sehe die einzige Lösung in einer Technologiesteuer. Der geschaffene Mehrwert muss allen in der Gesellschaft zugute kommen und das geht dann nur, wenn man mit der neuen Steuer, kann diese auch anders benennen: Gemeinwohlsteuer, ein bedingungsloses Grundeinkommen ca. 1000 € für jeden Berufstätigen finanziert. Zusätzlich kann er noch arbeiten oder ist gemeinnützig, künstlerisch tätig. Vielleicht liegt er auch nur in der Hängematte, würde aber mit der Zeit sehr langweilig und man will sich ja auch mal ein paar Reisen leisten oder etwas Luxus, vielleicht eine hübsche Frau? Im Grundeinkommen kann man dann auch eingesparte Gelder aus Transferleistungen mit einfließen lassen: z.B. Wohngeld, Arbeitslosengeld, Verwaltungskosten der Arbeitslosigkeit. Das hätte den Effekt, das der Mensch frei von einer seelischen Fessel anfängt sein Umfeld neu zu gestalten, er ist frei und hier ist das Problem. Der Mensch hätte keine Existenzangst mehr, der Staat, Parteien, viele Behörden wären mit einem Mal überflüssig. Nur so lange der Mensch in Angst gehalten wird, kann der Staat seine Existenz in der jetzigen Form begründen begründen! Einen schönen Abend allen!

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  6. felsberger2012 schreibt:

    PS: Die ganze Absurdität des „sozialdemokratischen Diskurses“, der immer weitere Teile der westlichen Welt erfasst, erkennt man daran: Dass als Lösung propagiert wird, was in Wahrheit das Problem ist. Es sind die Staaten, die mit ihrer zunehmenden Verschuldung immer mehr Forderungen in die Hände weniger Menschen spülen und die Spekulation in bestehenden Aktiva treibhausartig befördern. Sie blockieren mit ihrer Verschuldungspolitik überfällige Unternehmenskonkurse und die Vernichtung der Forderungen. Aus Angst, Unternehmen in Konkurs zu schicken und Entlassungswellen zuzulassen, werden die Forderungen Weniger immer mehr einzementiert und ausgebaut. Man braucht sich nur die Ausführungen Marxens zur ursprünglichen Akkumulation durchlesen, um die Verrücktheit des „sozialdemokratischen Diskurses“ zu entlarven. Dort prangert er nämlich die Staatsverschuldung als Mittel der Herrschaft der Wenigen an und sagt lapidar: „Die Staatsschuld, d.h. die Veräußerung des Staats – ob despotisch, konstitutionell oder republikanisch – drückt der kapitalistischen Ära ihren Stempel auf. Der einzige Teil des sogenannten Nationalreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen Völker eingeht, ist – ihre Staatsschuld. Daher ganz konsequent die moderne Doktrin, daß ein Volk um so reicher wird, je tiefer es sich verschuldet.“ Na, erkennen sich hier manche „Moderne Geldtheoretiker“ wieder, die in der Ausdehnung der Staatschuld das Mittel der Heilung sehen? Man heilt nichts dadurch, dass man Staaten verschuldet, man zementiert bloß die Verhältnisse ein……

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  7. felsberger2012 schreibt:

    Aus theoretischer Perspektive gibt es zwei plausible Wege zur Staatsentschuldung: Zum einen eine Erbschaftssteuer von 100% (allerdings nur auf Forderungen, nicht auf Sachwerte), zum anderen eine Übernacht-Steuer auf alle gegen den Staat gerichteten Forderungen. Man setzt die Staatsschuld praktisch von einen Tag auf den anderen herunter. Ich plädiere für den zweiten Weg, weil er unbürokratisch ist und schnell geht. Alle konjunkturellen Schreckgespenster, die von den Kritikern eines solchen Verfahrens an die Wand gemalt werden, sind übertrieben. Die Konjunktur wird nicht einbrechen, wenn man brachliegende Forderungen entfernt. Ein Haushalt, der über Millionen verfügt, wird sein Leben nicht ändern, wenn man ihm 50% wegstreicht genausowenig wie ein Arbeiter, der statt ein paar tausend Euro nur mehr die Hälfte in der Tasche hat. Unternehmen sind freilich ausgenommen, weil sie Schuldner sind. Das Zielobjekt einer solchen Steuer sind allein die Haushalte, Versicherungen und Fonds. Alle sonstigen steuerlichen Massnahmen, die für gewöhnlich vorgeschlagen werden, um die Staatsverschuldung abzusenken, haben ihrer viel zu langen zeitlichen Streckung wegen den Nachteil, dass sie auf die Konsumentscheidungen der Haushalte wirken und damit einen langen Abschwung in Gang setzen können. Und ja! Um der Überflüssigmachung der Menschen entgegenzuwirken, gibt`s nur das Mittel der Arbeitszeitverkürzung oder, wie ich es bevorzugen würden, das Erschliessen alternativer Lebens- und Arbeitsformen……

    Ich bin gespannt auf ihre weiteren Ausführungen
    A.Felsberger

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  8. Peter Krall schreibt:

    Zur systemtheoretischen Analyse möchte ich anmerken, dass diese implizit voraussetzt, dass vorhandene Vermögen nicht abgeschmolzen werden. Nur dann gilt die Aussage ‚Ohne Wachstum fehlt jedoch die Antriebskraft des Kapitalismus.‘ [1.2]. Ebenso ist die implizite Annahme, dass untätige Vermögen konstant blieben, in Binswangers Argumentation für den Wachstumszwang grundlegend.

    Lässt man diese Annahme fallen, dann kann das Finanzsystem im Steady-State sein (Vermögensverteilung, Produktion und Konsumption bleiben in Hinblick auf monertäre Bewertung konstant, Geldmengen bleiben konstant); gleichzeitig kann die Implementierung von Innovationen durch verzinste Kredite finanziert werden; gleichzeitig können Kreditgeber in Summe Zinsgewinne machen; gleichzeitig können Kreditnehmer im Durchschnitt aus den kreditifinanzierten Investitionen Gewinne erzielen, welche die Kreditkosten übertreffen. Alles logisch konsistent.

    Voraussetzung ist allerdings, dass die Neuakkumulation von Vermögen durch kreditfinanzierte Implementierung von Innovationen dadurch ausbalanciert wird, dass bereits existierende Vermögen im selben Maß durch Umwandlung in Konsum abgeschmolzen werden. Das kann entweder durch substanzvermindernden privaten Konsum oder durch Substanz-/Erbschaftssteuer und damit Umwandlung existierender Vermögen in öffentlichen Konsum erfolgen. Die Abschmelzung konservativ veranlagter oder untätiger Vermögen würde ja die Kapitalverwertung innovations- und risikobereiter Vermögen nicht behindern und für letztere ebenso Raum schaffen, wie Wachstum es täte. Verdrängung kann als Grundlage des Wettbewerbs auch ohne Wachstum fungieren.

    Dabei ist freilich zu akzeptieren, dass in einer gesunden Ökonomie der Normalfall der ist, dass es den meisten Kindern etwas weniger gut als ihren Eltern geht, während es einer Minderheit deutich besser als ihren Eltern geht. Das liegt einfach daran, dass die Summe der Produkte aus Häufigkeit und Länge von Auf- und Absteieg Null sein muss, und dass der Abstieg in der Regel langsam ist: Wenn eine Person aus dem n+25ten Zentil in das n-te aufsteigt, dann steht dem nicht der Abstieg einer Person vom n-ten in das n+25te gegenüber, sonder der von insgesamt 25 Personen: P1 aus dem n-ten in das n+1ste, P2 vom n+1-sten in das n+2te,… Und wenn man noch genauer schaut, sind es noch mehr, denn tatsächlich war P1 vorher am unteren Rand vom n-ten Dezil und ist jetzt am oberen des n+1sten, während eine andere Person P1′ etwas näher an den Rand gerutscht ist – wie in einer Flüssigkeit, in der ein paar Moleküle in Konvektionszellen weit aufsteigen und viele langsam absinken.

    Man beachte dabei, dass der vorige Absatz auch für die unteren Zentile gilt; die enthlaten schließlich auch immer nur 1% der Population. Wenn Aufstieg aus dem 80ten ins 60te Zentil möglich ist, dann eben auch Abstieg aus dem 70ten ins 71te, dem 71ten ins 72te,…

    Natürlich ist ein solcher Steady-State Kapitalismus politisch nicht möglich. Das würde nämlich im Klartext Erbschaftssteuern in einer Höhe erfordern, die ausreichte, die doch erhebliche Neuakkumulation von Kapital aus Implementierung des technischen Fortschritts zu kompensieren (OK, es kann natürlich auch Kombination von Immobilien-/Substanz- und Erbschaftssteuer sein; aber jedenfalls wären es substanzabschmelzende Steuern). Das ist ein absolutes Tabu und wer es bräche, würde den Konservativen gekreuzigt und den Linken gevierteilt. Trotzdem; systemtheoretisch wäre es möglich (übrigens, falls es jemanden interessiert: Ich habe mal für als Illustration für einen Vortrag ein numerisches Modellchen ausgearbeitet)

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  9. felsberger2012 schreibt:

    @ Krall: >Die Abschmelzung konservativ veranlagter oder untätiger Vermögen würde ja die Kapitalverwertung innovations- und risikobereiter Vermögen nicht behindern und für letztere ebenso Raum schaffen, wie Wachstum es täte.> So ist es. Kapitalismus arbeitet wie das Hüttenwesen: Immer bleibt Schlacke (=überschüssige, d.h. über den Kapitalstock hinausreichende Geldersparnis) über. Man muss diese Schlacke konsequent entfernen, um das System wieder leistungsfähig zu machen. Zwar ist es so, dass ein gewisser Grad an Schlacke neue Prozesse anstossen kann (Erhöhung der Konkurrenzintensität), ab einer gewissen Größe aber das Sytem lähmt….

    LG
    Alfred Felsberger

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  10. sadoma schreibt:

    Ich bin auch für ein Schlackenentsorgungsplan, ein Vorschlag von Herrn Buschbeck liegt ja bereits vor:

    http://www.guthabenbremse.de

    Herr Felsberger kennt den ja sicher 😉

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  11. Mathias Stuefe schreibt:

    Zufällig bin ich auf die Diskussion gestossen hier. Erstaunlich, welche gedanklichen Irrtürmer immer noch herum geistern. Klar ist: die absurde Vermögensverteilung zugunsten sehr weniger muss nicht nur gestoppt, sondern rückgängig gemacht werden zugunsten der breiten Bevölkerungsmehrheit.

    1. lump of labour fallacy: es gibt keine begrenzte Menge an Arbeitsangebot. Entlassungswellen konjunkturzyklischer Art sind systemimmanent und daher völlig normal. Technologischer Fortschritt löst in manchen Generationen in der Tat massive Entlassungen aus. Das ist aber langfristig eine begrüssenswerte Entwicklung, auch wenn wegen der Roboterisierung wieder Weltuntergangsstimmung verbreitet wird. Nur mal so: 40% der bayerischen Bevölkerung hat anfang der 60er Jahre noch in der Landwirtschaft gearbeitet, heute sind es deutlich unter 10%. Oder der Weberaufstand, sogar in Dramen thematisiert. Wer weiss, wieviele Kinderhände sich wund gemacht haben an diesen Weberstühlen, der kann heute nur noch staunen über das damalige Geschrei. Mein pragmatischer Ansatz: als countervailing power ist tatsächlich der Mindestlohn wichtig, kombiniert mit einem Bürgergeld von 500 bis 1200 EUR, evtl. nach Altersgruppen und Familienverbänden gestaffelt bei gleichzeitiger Abschaffung der absurd teueren „Armutsindustrie“ ( fast 1200 Euro kostet die verwaltungstechnische Betreuung eines Hartz-IV Empfängers oder Aufstockers, Einsparungen hier sollten die Aufwendungen für das Bürgergeld übersteigen). Die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts ist voranzutreiben.
    2. Insgesamt gibt es keine gesättigten Märkte, die Prämisse der unbegrenzten Bedürfnisse gilt noch sehr lange: klar hat irgendwann (fast) jeder mal genug vom smartphone hype. aber welche ganz große Mehrheit der Bevölkerung will kein penthouse, villa oder landhaus????? Fakt ist doch, dass die große Mehrheit von fast 80% in der westlichen Welt zu einem Konsumverzicht gezwungen wird, während die verbleibenden 20% einen Konsumrausch nach dem anderen durchleben. Die USA macht es vor: 20% sind für ca 80%des Privatkonsums zuständig, also die fancy car buyers, die auch ohne weiteres fünf Autos besitzen. Aus meiner Sicht schlicht dumm (eins reicht, der rest wird abundzu gemietet), aber das ist ja das schöne an der Marktwirtschaft bzw. dem free enterprise system. Jeder kann wie er mag konsumieren, im Gegensatz zum feudalen System früherer Zeiten, wo der Konsum je nach Standeszugehörigkeit reglementiert wurde. Nur: wenn mehr an diesem Konsumspass teilnehmen könnten, würde es wieder satte Wachstumszahlen geben.
    3. Vermögensumverteilung als Lösung des Problems: es stimmt, die Achillesferse der aktuellen demokratischen Systeme ist die ungebremste Staatsverschuldung zulasten vieler und zugunsten weniger. Je höher die Schulden,um so niedriger müssen die Zinsen sein. Die große MEhrheit verliert, erst recht Rentner, stark alternde Bevölkerungen sind also (naja, auch eher theoretisch, mittlerweile arbeiten bekanntlich viel mehr Menschen über 60 weiter) besonders betroffen. Eine Haurucklösung finde ich auch besonders praktikabel. Bevor aber ein radikaler Schnitt der Staatsschulden durch Aufkündigung der Staatsanleihen z.B. um 50% vorgenommen wird, sollten sehr Vermögende zum Erwerb von Zwangsanleihen gezwungen werden. (gestaffelt nach Vermögen 5%, 10%, bis zu 50% je nach länderspezifischen Struktur). So liegt bspw. das Netto-Geldvermögen der Italiener um ca 50% höher als das der Deutschen. Hätten die Italiener in den letzten 20 JAhren genauso viel Steuern bezahlt, wäre ihr Geldvermögen nahezu identisch mit dem der Deutschen, der italienische Staat übrigens nur unwesentlich höher verschuldet. NUR: letzteres setzt voraus, der italienische Staat hätte auch so gewirtschaftet wie der deutsche. Die ITaliener haben das natürlich nicht angenommen und waren schlau genug, eben viel weniger Steuern zu zahlen. GEsamtwirtschaftlich ist eigentlich alles ok, abgesehen von großen strukturellen Problemen Italiens Wirtschaft, die ein angemessenes Wirtschaftswachstum ver- oder behindern.

    Eine Begriffsfrage: Reziprozität ist klar, was aber ist mit Rezeprozität gemeint? Tippfehler und Wortneuschöpfung oder?

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  12. Habe ich gerade pdf gelesen. Die Intentionen sind zwar klar sichtbar, gefallen mir sehr, der ganze Artikel ist jedoch sehr deskriptiv und kaum analytisch.
    Etwas soll man WIRKLICH weglassen.
    Nur weil die deutsche Sprache (vielleicht keine andere) Schuld (Geldschuld) und Schuld (getanes Unrecht) nicht unterscheidet (Synonyme), soll man daraus, also aus einer „Fehlleistung der Sprache“ keine große Philosophie machen. (Ich weiß, ist eine typisch deutsche Eigentümlichkeit.)

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  13. GeorgT schreibt:

    Hallo Herr Stoecker,
    schauen Sie sich doch mal das hier an, wenn Sie Zeit dazu finden. Ihre Meinung wuerde mich sehr interessieren:
    http://georgtsapereaude.blogspot.com/2016/01/disequilibrium-economics-101-part1.html

    http://georgtsapereaude.blogspot.com/2016/01/the-root-cause-or-disequilibrium.html

    Viele Gruesse

    Georg Trappe

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    • Michael Stöcker schreibt:

      Hallo Herr Trappe,

      Was Sie hier grafisch darlegen ist letztlich das gleiche, was ich die monetäre Krise des Kapitalismus nenne. Ich gehe mal davon aus, dass Sie meinen Beitrag hierzu in Gänze gelesen haben. Ich stimme mit Ihnen überein, dass dieses System gegen die Wand fahren wird, wenn wir nicht gegensteuern. Die Probleme sind erkannt. Die Frage ist allerdings, wer diesen Prozess bestimmt. Paul Tudor als typischer Repräsentant der 1 % oder aber eine demokratisch legitimierte Konzertierte Aktion. Mein aktueller Kommentar im Herdentrieb hierzu wurde bislang noch nicht freigegeben (ich bin zwar nicht wie Sie gesperrt, unterliege aber der partiellen Zensur; und Uwe Richter sei das Wochenende gegönnt). Von daher hier schon mal vorab:

      Lieber Herr Wermuth,

      dieses Thema reicht viel weiter zurück und kann von Ökonomen nur sehr bedingt verstanden werden; denn die beschäftigen sich erst gar nicht mit dem Thema Geld. Sollten sie es dennoch tun, dann zumeist sehr oberflächlich auf Basis der alten Irrlehre der Bundesbank, die bis zum offiziellen Beginn der Finanzkrise im Jahre 2008 das monetäre Paradigma prägte (es determiniert bis zum heutigen Tag unser Denken und Handeln).

      Diese fundamentale Änderung stellt alles bisher fest geglaubte auf den Kopf, so dass die Bundesbank dann im November 2014 eine in den Tiefen Ihrer Website zu findende FAQ-Liste erstellte, die die drängendsten Fragen hierzu beantwortete: http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/FAQ_Listen/faq_zum_thema_geldschoepfung.html. Die Antwort auf die erste Frage ist so kurz gehalten, dass sich hierunter jeder etwas anderes zusammen dichten kann.

      Letztlich geht es bei HM um die zentrale Machtfrage. In früheren Zeiten wurde überwiegend mit Münzgeld bezahlt. Das Münzregal (von rex, regis) lag beim Herrscher. Noch heute liegt es bei der Regierung. Nur: Wer zahlt heute schon noch mit barer Münze?

      Viele von uns glauben, dass das Münzgeld den gleichen Ursprung hat wie das Papiergeld. Schaut man sich jedoch die Bilanz der Notenbank an, dann findet man das heutzutage mengenmäßig unbedeutende Münzgeld unter der Position 11.1 Scheidemünzen weit unten auf der Aktivseite, während sich die Banknoten an erster Position auf der Passivseite wiederfinden: https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/BBK/2015/2015_03_12_geschaeftsbericht_2014_bilanz.pdf?__blob=publicationFile. Bilanzkundige werden nun stutzen und sich fragen: Wie kann ein und derselbe Gegenstand auf unterschiedlichen Seiten bilanziert werden? Hier muss doch ein Irrtum vorliegen!!!

      Nein, es liegt kein bilanzieller Irrtum vor, sondern vielmehr ein intellektueller, der das Thema Geld so schwer verständlich macht. Es hängt letztlich mit den Begriffen Hybridität und Hierarchie zusammen: http://www.perrymehrling.com/2015/06/why-is-money-difficult/ .

      Es gibt allerdings einen wichtigen Unterschied zwischen dem heutigen Münzgeld sowie dem früheren Münzgeld. In früheren Zeiten handelte es sich um Kurantmünzen, während heute überwiegend mit Scheidemünzen gezahlt wird. Die Goldmünzen finden sich heute in Form von Goldbarren in der Bilanz der Zentralbank ebenfalls auf der Aktivseite; allerdings an erster Stelle.

      Die heutigen unbedeutenden Scheidemünzen verkörpern einen Rest der ominösen Seigniorage, die entweder nicht verstanden oder aber bewusst vernebelt wird. Letztlich ist es eine Reminiszenz an die mittelalterliche Münzverschlechterung (Kipper- und Wipperzeit), die es allerdings auch schon bei den Römern gab: http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2015/08/woran-scheiterte-das-roemische-reich/. Und diese Münzverschlechterung kann bei zu intensiver Inanspruchnahme für Inflation sorgen. Von daher muss sich die Regierung die Menge der Münzen auch durch die Bundesbank genehmigen lassen.

      Es gibt gute Gründe für unabhängige Notenbanken, wie die Geschichte gescheiterter Währungen immer wieder gezeigt hat. Aber: Geldpolitik ist niemals verteilungsneutral. Auch HM ist nicht verteilungsneutral; denn hierdurch soll gerade die Inflation angeschoben werden. Und eine höhere Inflation entwertet die alten Kreditverträge. Und dagegen stemmen sich insbesondere die Altgläubiger. Von daher wollen sich die Altgläubiger auch nicht in die Suppe spucken lassen und bilden eine Personal- und Interessenunion, die so schon seit Jahrhunderten besteht: http://www.zerohedge.com/news/2015-12-21/feudalism-then-now

      An dieser Machtkonstellation will auch Turner nichts ändern. De facto nutzen die USA und GB schon seit längerem HM; denn nichts anderes ist letztlich der Aufkauf von Staatsanleihen durch die Notenbank bei gleichzeitiger Erhöhung der Budgetdefizite. Nur in Euroland ist dieses Instrument verboten, da man sich durch den Fiskalpakt in Verbindung mit Art. 123 AEUV selber handlungsunfähig gemacht hat. Von daher ist Turner auch der festen Überzeugung, dass ohne HM der Euro keine Überlebenschance haben wird. Regelmäßige Leser dieses Blogs wird es kaum wundern, dass ich hier mit Turner übereinstimme.

      Der wichtigste Einwand gegen diese Form von Geldpolitik wurde aber von Babendiek angeführt: die Willkür. Und diese Willkür basiert auf zentralplanerischen Allmachtsfantasien. So funktioniert aber Wirtschaft nicht. Von daher benötigen wir keinen An-Aus-Schalter, sondern Kontinuität.

      Sie kennen meine Vorschläge hierzu, die übrigens auch nicht gegen bestehendes Recht verstoßen (Art. 123 AEUV). Ich habe sie immer und immer wieder vorgetragen und einige (vielleicht auch viele) hier genervt. Eine solche Entscheidung gehört aber keinesfalls in die Hände einer demokratisch nicht legitimierten Institution. Ich stelle mir hierzu eine Konzertierte Aktion auf europäischer Ebene vor, bei der alle wichtigen Interessengruppen vertreten sind. Und dieser Vorschlag wird dann der Bevölkerung zum Entscheid vorgelegt. Alle Bürger von Euroland dürfen dann gleichberechtigt in einem ganz zentralen Aspekt des sozialen Zusammenlebens darüber mitentscheiden, wie es mit Europa weiter geht.

      Wir stehen hier vor einem historischen Wendepunkt, der darüber entscheiden wird, ob sich die 99 % durch die 1 % weiterhin kujonieren lassen und wir in einer Plutokratie enden oder aber den friedlichen Wandel mit einer demokratisch verankerten Zentralbank hinbekommen, die zukünftig die Interessen aller Bürger Europas gleichberechtigt anerkennt und auch danach handelt.

      Die monetäre Frage ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts.

      LG Michael Stöcker
      (Sollte der Kommentar freigegeben werden, wird es die #4 sein)

      Das Problem sind aber nicht nur die 1 % sondern auch die 99 %.

      Der Schlüssel liegt in einem richtigen Verständnis der Bibel bzw. der Religionen. Die zentralen Aspekte wurden allerdings auf dem kirchlichen Altar geopfert und somit dominiert in einer säkularisierten Gesellschaft die babylonische Sprachverwirrung.

      Viele Grüße
      Michael Stöcker

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  14. GeorgT schreibt:

    Alles schoen und gut. Aber erklaeren Sie mir bitte, wie man mit QE4P dieses Problem loest anstat es zu verschaerfen? http://georgtsapereaude.blogspot.com/2016/01/the-evidence-of-disequilibrium.html

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    • Michael Stöcker schreibt:

      Lieber Herr Trappe,

      QE4P ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Ungleichgewichte gibt es nicht nur auf nationaler sondern auch auf internationaler Ebene (LB-Ungleichgewichte). Der Matthäus-Effekt (bei Ihnen das Fettaugensyndrom) wirkt immer. Von daher gibt es bei mir auch keinen 1 Punkteplan sondern einen 10 Punkteplan. Ganz zentral ist hierbei die Erbschaftssteuer.

      Der Matthäus-Effekt wirkt bei QE4P selbstverständlich weiter. Nachdem über die Erbschaftsteuer sehr langfristig keine Staatsschulden mehr vorhanden sind, werden sodann die Haushaltsüberschüsse aus der Erbschaftssteuer an die Zentralbank abgeführt. Auf diese Weise verschwindet wieder ein Teil des schuldfreien Geldes. Siehe hierzu auch dieser Kommentar.

      Mehr dazu in meinem nächsten Beitrag, in dem ich die aus meiner Sicht notwendigen Maßnahmen skizzieren werde. Es ist eine Weiterentwicklung meines 10-Punkteplans vom Oktober 2013.

      LG Michael Stöcker

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  15. Finanzanwalt schreibt:

    Sollte man die Ursachen für die Krise(n) nicht langsam mal ernsthaft bei „Den Kapitalisten“ suchen, statt bei „Dem Kapitalismus“? Verstehe zunehmend, warum Bahro immer vom „real existierenden“ Sozialismus sprach. Es ist der Mensch, der aus einem Brotmesser ein tödliches Werkzeug macht. Und es ist augenscheinlich der fundamentale Irrtum der Normengeber der Jetztzeit, zu glauben, zu erwarten und sich trotz aller Erfahrungen bis heute darauf zu verlassen, dass der Umgang der Adressaten mit (weniger und weniger) Regulierung/(immer und immer mehr) Gesetzen von „Lauterkeit“ und gutem Willen geprägt sei. Erforscht nicht (erstmals) Shiller diese Zusammenhänge? Für die Aussicht auf einen zweistelligen Millionen – Bonus würde doch jeder in aller Öffentlichkeit die gegrillten Reste aus dem Grab seiner Großeltern verspeisen, – selbst wenn die Störung der Grabruhe strafbewehrt ist. Bei 99 % Einkommensteuer (Freibetrag ein sicherndes Grundeinkommen) darauf würden viele über den Sinn solcher „Geschäftsideen“ vielleicht doch noch einmal nachdenken und sich andere Antriebe für Managementhochleistungen suchen. Dann arbeitet die Elite der Entscheider vielleicht wirklich nicht getrieben vom (wie regelmäßig in Porträts zu lesen noch nie (!) ursächlichen Motiv für teils übermenschliche Leistungen) Streben nach persönlicher (Über-)Bereicherung. Nicht „Das System“ ist das Problem, sondern die Menschen, die es jeweils zuallererst in ihrem selbstbezogenen und zügellosen Eigeninteresse anwenden. Das ist im Kapitalismus nicht anders, als im Kommunismus. Vielleicht ist Künstliche Intelligenz und ihre Anwendung die letzte Hoffnung der Menscheit. In der Justizwirklichkeit, wie ich sie erlebe, wo Justitia die Augenbinde zunehmend als Foulard trägt, wünscht man sich gelegentlich „Den Computer“ als Entscheider! Also: Nicht über Systeme streiten, sondern ihre Anwendung in der „realen Wirklichkeit. Schönes Wochenende!

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    • Michael Stöcker schreibt:

      Erforscht nicht (erstmals) Shiller diese Zusammenhänge?

      Shiller für die Neuzeit, die Bibel schon etwas früher (Judaslohn).

      Nicht “Das System” ist das Problem, sondern die Menschen…

      Wir Menschen haben uns dieses System geschaffen. Und bestimmte Systeme/Rahmenbedingungen fördern bestimmte Eigenschaften sowie Ungleichgewichte. Zu recht sprechen Sie das Steuersystem an.

      Vielleicht ist Künstliche Intelligenz und ihre Anwendung die letzte Hoffnung der Menscheit.

      Statt künstlicher Intelligenz reicht eigentlich natürliche Empathie in Verbindung mit einer humanistischen und/oder religiösen Grundbildung.

      Zur Anregung für die neue Woche noch etwas Graeber und Skidelsky: The Economist as Philosopher.

      LG Michael Stöcker

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      • Finanzanwalt schreibt:

        „Wir“ Menschen haben doch jedenfalls zu Beginn den Kapitalismus nicht als Gelegenheit zum Missbrauch „geschaffen“, wie das Automobil auch nicht erfunden und fortentwickelt wurde, damit Artgenossen damit verunglücken oder die Elite der Ingenieurszunft der Dieselfahrzeug – Elektronik das Betrügen beibringt. Was die „Selbstheilungskräfte“ der Menschheit auf ihrem heutigen Stand angeht bin ich skeptisch und mache täglich reale gegenteilige Erfahrungen. Zumal dem denkenden Wesen der Irrtum angeboren ist: Kognitive Dissonanz ist das Stichwort. Kennt jeder aus „Des Kaisers neue Kleider“: Jetzt erst recht!! Ist die ganze Menschheitsgeschichte nicht durchzogen von Irrtümern und Fehleinschätzungen? Warum sind wir heute nicht klüger, als Luther und Marx, wenn die Eliten überhaupt deren intellektuelles Niveau in nennenswerter Zahl erreichen? Oder wenn sie es übertreffen: Wieso braucht es dann immer noch Krisen, Zusammenbrüche und die ungeheure Verschwendung von Ressourcen auf jedem Gebiet, an denen einige Wenige – und nicht zuletzt aus der Kreditwirtschaft – immer schon ihren Schnitt gemacht haben?? Für mich ist es ein bedrückender Gedanke, dass „Maschinendenken“ die – wenn überhaupt – Lösung sein sollte/müsste. Ich erkenne nicht einmal ein minimales Interesse derjenigen, die etwas in die richtige Richtung bewegen könnten, es jedenfalls vollmundig versprechen, geschweige denn die Verpflichtung dazu übernommen haben, aus Fehlern zu lernen und Erfahrungen anzuwenden. Und keiner wird sein Versagen als solches empfinden (Kognitive Dissonanz) oder es auch nur für möglich halten. Es mangelt schon an der Bereitschaft zum Ergebnis offenen Zuhören. Zwecklos, mir zu widersprechen! 🙂

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  16. Pedroleum schreibt:

    Kann es sein, dass in dem verlinkten Text ziemlich viel von David Graebers „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ steckt?

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