Die Citoyage: Keynesianischer Monetarismus als ordnungspolitisches Korrektiv

Nach einem kurzen monetaristischen Intermezzo der Deutschen Bundesbank in den 70er und 80er Jahren dominiert bis zum heutigen Tag der neukeyensianische Ansatz die geldpolitische Agenda. Tatsächlich sind beide Ansätze aber nur ein scheinbarer Gegensatz und müssen lediglich vom Kopf auf die Füße gestellt werden und können sodann die alte Frage von G-W-G‘ lösen sowie einen systemischen Beitrag zur Entschärfung des biblischen Matthäus-Effekts leisten. Die Zeit ist reif für ein neues geldpolitisches Paradigma, in dessen Zentrum ein zentralbankfinanziertes Bürgergeld von anfänglich 80 EUR pro Kopf und Monat steht (=Citoyage, ein Neologismus aus Citoyen und Seigniorage). Ziel ist es, Geld als mittelalterliches Herrschaftsinstrument des Lehensherrn (Seigneur), über die Bankokratur der entfesselten Finanzmärkte zu dem weiter zu entwickeln, was Geld im Geiste der französischen Revolution eigentlich sein sollte: Eine Allmende, die als soziale Verpflichtungsrelation über die Citoyage ihre Wirkung zum Wohle aller Bürger entfalten kann.

Der Monetarismus war die Antwort von Milton Friedman auf seinen vermeintlichen Gegenspieler Keynes. Vermeintlich deshalb, weil schon von Hayek in den 70er Jahren Friedman als ‚Keynesian‘ klassifiziert hatte.

Der kühne Glaube an eine keynesianische Globalsteuerung wurde durch die Entwicklungen der 70er Jahre zunehmend diskreditiert. Auf dem Höhepunkt des Kampfs der Systeme wurden unter Thatcher und Reagan alle Formen interventionistischer Staatseingriffe in den freien Markt zunehmend abgelehnt und bildeten zugleich die Blaupause für viele weitere konservative aber auch sozialliberale Regierungen in Europa. Hayek war hier für viele der spiritus rector.

Friedman übernahm seine quantitätstheoretischen Überlegungen von Irving Fisher und entwickelte hieraus den Ansatz einer Geldmengenverstetigung, die sich am Potenzialwachstum einer Volkswirtschaft auszurichten habe. Daraus leitete dann die Bundesbank ihr langfristiges Wachstumsziel für M3 ab, das auf 4,5 % festgelegt wurde (2 % Zielinflation zzgl. 2,5 % Wirtschaftswachstum). Zugleich dominierte das Ricardianische Äquivalenztheorem die öffentliche Diskussion und diskreditierte die antizyklische Fiskalpolitik über den Crowding-out-Effekt. Tatsächlich gab es dann auch bis in die 90er Jahre in Deutschland einen relativ stabilen Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflationsrate (zu den Hintergründen siehe Heinz-Peter Spahn: Wie der Monetarismus nach Deutschland kam).

Dieser Zusammenhang zwischen Geldmenge, Wirtschaftswachstum und Inflation wurde aber zunehmend instabiler, weshalb sich die Notenbanken nach und nach hiervon verabschiedeten und mehr den neukeynesianischen Ansatz über Zinssätze und Erwartungshaltungen verfolgten. Dass man zuvor an die Möglichkeiten der Geldmengensteuerung geglaubt hatte, mag auch daran gelegen haben, dass die herrschende Lehre von einer exogenen Geldschöpfungsbegrenzung über den Geldschöpfungsmultiplikator ausging. Tatsächlich kann eine Zentralbank aber die relevante Geldmenge gar nicht direkt steuern, da die Geldschöpfung kein exogener, sondern ein endogener Prozess ist (siehe auch Geldmythen). Mit anderen Worten: Es ist nicht die Zentralbank, die die Geldmenge von außen determiniert, sondern es sind die Geschäftsbanken im Rahmen der Kreditvergabe. Werden mehr Kredite vergeben als getilgt, dann steigt die Geldmenge und vice versa.

Tatsächlich gab es dann auch zunehmend keinen signifikanten Zusammenhang mehr zwischen der Geldmengenentwicklung, Zinsen und Inflation und es setzte sich mehr und mehr die Taylor-Regel durch, deren Ziel die optimale Ermittlung des Leitzinses war. In Folge der Finanzkrise kam es dann sogar zu einer völligen Umkehrung des Zusammenhangs zwischen Zinshöhe und dem Wachstum von M3. Aufgrund der klassischen Preistheorie des Geldes hätte die Kreditnachfrage eigentlich ansteigen müssen. Auch hier ist die Argumentation von Keynes mit der Liquiditätsfalle sehr hilfreich.

Die wirkliche Ursache für diese Krise ist in einem nicht verstandenen Geldsystem in Verbindung mit dem biblischen Matthäus-Effekt zu verorten. Die klassische Theorie geht davon aus, dass eine monetäre Ersparnis Voraussetzung für die investive Kreditvergabe sei und der Zins die Funktion habe, Sparer und Investoren zusammen zu bringen. Es handelt sich hierbei um die sogenannte Loanable-Funds-Theory, die zuletzt von Fabian Lindner widerlegt wurde, tatsächlich aber schon lange zuvor von Hartley Withers im Jahre 1909 (siehe Bankmythen).

Tatsächlich ist es nämlich genau anderes herum. Es sind die Investitionen, die über den Weg des Bankkredits die Ersparnisse bilden. Damit ist dann aber auch die Zinsgeschichte hinfällig, dass nämlich der Zins der Preis für Geld/Kapital sei, so wie der Lohn der Preis für Arbeit ist. Der Zins hat zum einen die Funktion, die Kosten der Bank für ihre Dienstleistung zu decken und zum anderen die Risiken eines Kreditausfalls. Hohe Zinsen sind also ein Zeichen für hohe Risiken und können nicht an Sparer weiter gereicht werden. Wird es dennoch getan, verschärft sich die Geldvermögenskonzentration in den Händen weniger, sofern der Staat über das Steuersystem nicht korrigierend eingreift; und die Banken stehen mit leeren Taschen da, wenn sie keine ausreichende Risikovorsorge betrieben haben, sondern Zinserträge als Gewinn gebucht und ausgezahlt haben, obwohl sie diese zu einem größeren Teil als Rückstellung hätten verbuchen müssen.

Tatsächlich wurde aber in vielen Regionen dieser Welt das Steuersystem so adjustiert, dass sich der Matthäus-Effekt auch noch verschärfte. Die Begründung hierfür – das scheue Reh – war und ist allerdings ein intellektueller Kopfschuss. Warum? Weil das scheue Reh ruhig davon laufen darf. Wo soll es denn hin? Für Investitionen werden keine vorhandenen Ersparnisse benötigt sondern immer neue, zusätzliche Kredite, mittels derer die Banken neues Giralgeld schaffen. Die einzige Institution die hierbei mitspielen muss ist die Zentralbank. Ist das Reh also scheu, sollten wir – respektive die EZB – ihm das nötige Geleit gewähren und es in die große weite Welt entlassen. Mal schauen, wo es dann Zuflucht findet und wie lange es dann noch scheu sein wird.

Jetzt gibt es natürlich (mit und ohne scheuem Reh) das Problem, dass es aufgrund der Geldvermögenskonzentration bei den 1 % für die Schuldner systemisch unmöglich wird, ihre Schulden zu bedienen, wenn dieses Geld nicht für konsumtive Zwecke ausgegeben wird. Auch der Kauf bereits vorhandener Assets hilft hier nicht weiter, da hier nur der Geldbesitzer wechselt. Ausnahme: Der Verkäufer hatte noch Bankschulden und tilgt diese nun.

Die ungleiche Geldvermögensverteilung sorgt also dafür, dass es insgesamt zu einer schwachen Nachfrage kommt und somit die Altschuldner ihre Kredite nicht mehr bedienen können (Schulden haben einen Rückzahlungstermin, Geld aber keinen Konsumtermin). Damit die Wirtschaft nicht schrumpft, gab es eine ganze Weile den illusionären Trick mit der Staatsverschuldung sowie der privaten Verschuldung über Abzahlungsgeschäfte, um die Nachfrage und somit die Produktion und die Beschäftigung nicht einknicken zu lassen. Folge des ganzen ist – wegen des Zinseffekts – eine weitere Geldvermögenskonzentration. Der Matthäus-Effekt kommt zu seinem Krisenkulminationspunkt. Dies ist die Situation mit der wir es seit 2007 zu tun haben und die sich in den letzten 30 Jahren kontinuierlich aufgebaut und verschärft hat. Nichts neues, alles alt bekannt, aber dank Finanzalchemie nicht alle Jubeljahre sondern alle 50 – 80 Jahre, dafür dann aber umso heftiger.

Wie verhindern wir nun zukünftig solche Krisen bzw. machen sie unwahrscheinlicher? Dazu muss man wissen, dass das Wirtschaftswachstum sowohl an der Kreditexpansion als auch an der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen hängt. Wir brauchen also eine stärkere Kontinuität bei der Kreditvergabe sowie bei der Nachfrage. Zugleich benötigen wir ein Instrument, das der Geldvermögenskonzentration entgegen wirkt, damit sich das Kreditgeldsystem nicht selber stranguliert. Und wir benötigen ein Instrument, das dafür sorgt, dass die Inflationsrate wieder bei ca. 2 % liegt, damit die Geldhorter (=Konsum- und/oder Investitionsverweigerer) nicht besser gestellt werden als die Realgüterinvestoren. Dies funktioniert aber in gesättigten Märkten mit den klassischen Instrumenten der Geld- und Fiskalpolitik nicht mehr. Es sei denn, man arbeitet mit dem altbekannten Rezept der Seigniorage, die man im Zeitalter der Demokratie aber besser nicht unmittelbar dem Seignieur (aka Staat) zukommen lassen sollte, sondern allen Bürgern (Citoyen). Den theoretischen Hintergrund für diese Idee hat Prof. Binswanger herausgearbeitet:

Seitdem die Einlösungspflicht des Zentralbankgeldes in Gold- oder Silbermünzen aufgehoben wurde, handelt es sich aber beim Zentralbankgeld um eine „ewige“ Schuld, die die Zentralbank nie einlösen muss. Die Zentralbank zahlt (in der Regel) auch keine Zinsen, weil die Zentralbankschuld ja für die Banken − und, wenn sie in Banknoten eingelöst werden, auch für das Publikum − Geld darstellt.

Daraus resultiert: Da die einzige Schranke für die Ausgabe von Buchgeld der Banken ihre Einlösbarkeit in Zentralbankgeld bzw. Banknoten ist, diese aber nicht mehr in Gold eingelöst werden müssen, und die Zentralbanken den Banken daher grundsätzlich unbeschränkt Zentralbankgeld bzw. Banknoten zur Verfügung stellen können, beruht unser ganzes Geldsystem heute auf der Vermehrung „ewiger“ Schulden. „Ewige“ Schulden, d.h. Schulden, die man nie bezahlen muss, kann man unendlich vermehren! So werden Schulden zu Geld, d.h. zu Vermögen, das sich unendlich anhäuft. Das ist das Wesen der im Geldsystem waltenden Magie: Aus Minus (-) gleich Schuld wird ein Plus (+) gleich (Geld-)Vermögen. (…) Es ist zwar normalerweise eine geringe Erhöhung des Preisniveaus damit verbunden − man spricht von einer schleichenden Inflation −, aber die Produktionsmenge steigt stärker. Die Geldvermehrung verpufft also normalerweise nicht einfach in Inflation. Die Geldschöpfung führt vielmehr zur realen Wertschöpfung, d.h. zu einem realen Zuwachs des BIP. Dies ist die moderne Metamorphose des Geldes, d.h. die Verwandlung des Geldes in reale Güter. So wird das Geld, das (Geld-)Vermögen auch zu einem realen Vermögen. Quelle

Bislang hängt das Wirtschaftswachstum insbesondere an der Kreditexpansion. Wir haben aber schon seit einiger Zeit vor allem ein Nachfrageproblem (Stichwort: Lohnmoderation, die nun auch für viele Länder des Südens empfohlen wird sowie Abzahlungsgeschäfte). Also brauchen wir mehr Geld in den Händen der Konsumenten. Und die Konsumquote ist gerade bei den unteren Einkommen besonders hoch. Eine Citoyage in Höhe der gewünschten Inflation sorgt für eine Verstetigung der Nachfrage sowie eine Erhöhung der Staatseinnahmen unmittelbar an der Quelle (Besteuerung mit dem persönlichen Grenzsteuersatz bei Auszahlung über das Finanzamt) sowie mittelbar durch höhere indirekte und direkte Steuereinnahmen. Die Einführung einer Citoyage ist also zugleich eine demokratische Wiederbelebung des Konzepts der Seigniorage. Nur mit dem Unterschied, dass die Seigniorage nicht mehr direkt dem Seignieur (früher der Lehensherr, heute der parasitäre Finanzsektor, der hiermit einen oftmals unanständigen Lebensstil finanziert) zufließt, sondern nun unmittelbar dem  Bürger und mittelbar dem Staat als Gemeinschaft aller Bürger.

Nun noch kurz zu der alten Frage von Marx, wie aus Geld mehr Geld werden kann (G-W-G‘). Oder anders ausgedrückt: Der Kapitalist kann nicht mehr Geld aus dem System herausholen, als er zuvor hineingeworfen hat. Hic Rhodus, hic salta!

Mit einem zentralbankfinanzierten Bürgergeld, das es in früheren Zeiten als Seigniorage gab, ist es nun sehr wohl möglich, das kapitalistische Streben nach mehr Geld zu realisieren. In einem rein endogenen Geldsystem ist dies nicht möglich und führt ohne staatliche Interventionen via Zentralbank (ex post Heilung via Monetisierung von Schulden) aufgrund des Matthäus-Effekts zum Systemkollaps. Mit einer kontinuierlichen exogenen Injektion über die Seigniorage oder eben eine Citoyage ist auch das Mehrwert- und Transformationsproblem eine historische Reminiszenz.

Und so bekommen alle gesellschaftlichen Gruppen dasjenige, was sie begehren: Der Kapitalist und Unternehmer eine höhere monetäre Rendite, der Staat höhere Steuereinnahmen für Bildung und Infrastruktur und der Bürger höhere Kaufkraft und einen sichereren Arbeitsplatz. Und nicht zuletzt zu vergessen: Unsere Freunde des Duckschen Gold-/Geldbades können auch ihren persönlichen Vorlieben frönen, ohne das System zum Einsturz zu bringen. Da Geld aber bewusst inflationiert wird, wird sich dann wohl eher das Midassche/Ducksche Goldbad durchsetzen und nicht die Marxsche Schatzbildung, da ein leicht inflationäres Geld auch immer zugleich einem leichten ‚Verwertungsdruck‘ ausgesetzt ist. Damit kommen wir dann auch den aristotelischen Grundsätzen wieder etwas näher und alte Lieder und andere Weisheiten dürften wieder mehr beherzigt werden

Damit werden die grundsätzlichen Hindernisse für nachhaltigen Wohlstand in gesättigten Märkten zwar nicht beseitigt, aber die notwendige Voraussetzung hierfür wird geschaffen. Insofern ersetzt dieser Vorschlag keine kluge Bildungs-, Wirtschafts- und Fiskalpolitik aber er ist ein elementares ordnungspolitisches Korrektiv und verhindert über die Binswangersche Metamorphose des Geldes eine systemische Abwärtsspirale, die am Ende nur Verlierer hinterlässt.

 


Anmerkungen und weiterführende Links:

Da eine Citoyage unmittelbar an alle Bürger des Eurosystems ausgezahlt wird, handelt es sich auch nicht um verbotene Staatsfinanzierung, wie beim Vorschlag von Buiter und Turner. Damit wird die Problematik von Art. 123 AEUV umgangen, die verfassungsrechtliche Schuldenbremse kann eingehalten werden und die schwarze Null kann weiterhin das Herz unseres Finanzministers und vieler anderer erfreuen.

update 20.04.2015: Adair Turner bei der Deutschen Welle: EZB könnte Schuldenkrise beenden

Die Ideen für ein zentralbankfinanziertes Bürgergeld hatte ich zum ersten Mal im Oktober 2013 in die Diskussion gebracht. Dort sind auch die Details zur technischen Umsetzung nachzulesen. Insbesondere in diesem Kommentar.

Und zwei Jahre intensive Überzeugungsarbeit scheinen mittlerweile auch einige der größten Zweifler überzeugt zu haben.

Die Einführung einer Citoyage hat sowohl intellektuelle aber vor allem auch massive lobbyistische Widersacher, die insbesondere über den wissenschaftlichen und medialen Mainstream massiven Einfluss auf eine Diskreditierung dieser Idee ausüben. Vorläufiger Höhepunkt war ein monetäres Denkverbot, das in guter mittelalterlicher Inquisitions-Tradition vom Hüter des Heiligen Gral jüngst ausgesprochen wurde.

Honi soit qui mal y pense.

update 13.08.2015: Sehr lesenswert der Beitrag von Stephan Schulmeister: Die Wahrheit, der Ziegenbock und Europa

update 05.04.2015: Brad DeLong thematisiert ebenfalls das hier skizzzierte Dilemma: The Monetarist Mistake und bezieht sich hierbei auf Barry Eichengreens neues Buch Hall of Mirrors (Buchvorstellung der FT).


 

Wer schon glaubt, über Geld alles zu wissen, dem empfehle ich diesen Vortrag von Prof. Spahn: Die Geldtheorien verschiedener Schulen sowie von Dieter Suhr: Der Kapitalismus als monetäres Syndrom

Hier einige weitere Links zum Thema Helikoptergeld, die fortlaufend aktualisiert wird. Letzte Aktualisiserung 23.08.2016

Über Michael Stöcker

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
Dieser Beitrag wurde unter Zinsen abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

48 Antworten zu Die Citoyage: Keynesianischer Monetarismus als ordnungspolitisches Korrektiv

  1. Rob schreibt:

    „Dies ist die Situation mit der wir es seit 2007 zu tun haben und die sich in den letzten 30 Jahren kontinuierlich aufgebaut und verschärft hat. Nichts neues, alles alt bekannt, aber dank Finanzalchemie nicht alle Jubeljahre sondern alle 50 – 80 Jahre, dafür dann aber umso heftiger.“

    Dazu fällt mir Schulmeister ein. In einem wunderbaren Interview sagte er Folgendes:

    Machen wir ein Gedankenexperiment: Sagen wir, die Verschlechterung der sozialen und ökonomischen Lage, die seit den 1970er Jahren, also über vierzig Jahre, eingetreten ist – bedenken wir nur die Lebens- und Entfaltungschancen junger Menschen vor vierzig Jahren und heute – und stellen wir uns vor, diese Verschlechterung der Situation wäre nicht verteilt über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten, also ganz langsam, strangulierungsmäßig passiert, sondern keulenschlagmäßig innerhalb von drei Jahren. Dann wäre natürlich auch die politische Reaktion, die Debatte eine völlig andere.

    Wenn sich etwas so langsam entwickelt, bekommt es nämlich den Charakter des Natürlichen; Interpretationen wie: das ist eben ein Sachzwang, man kann nichts machen, there is no alternative etc., die werden gestärkt durch das sehr langsame Tempo der Krisenausweitung…

    http://www.wirtschaftundgesellschaft.de/2012/08/„es-besteht-die-gefahr-von-wirtschaftskriegen-“-im-gesprach-mit-stephan-schulmeister/

    Gefällt mir

  2. Huthmann schreibt:

    „Die wirkliche Ursache für diese Krise ist in einem nicht verstandenen Geldsystem in Verbindung mit dem biblischen Matthäus-Effekt zu verorten. Die klassische Theorie geht davon aus, dass eine monetäre Ersparnis Voraussetzung für die investive Kreditvergabe sei und der Zins die Funktion habe, Sparer und Investoren zusammen zu bringen. Es handelt sich hierbei um die sogenannte Loanable-Funds-Theory, die zuletzt von Fabian Lindner widerlegt wurde, tatsächlich aber schon lange zuvor von Hartley Withers im Jahre 1909 (siehe Bankmythen).“

    Ganz so einfach ist es nicht meiner Meinung nach, sehr geehrter Herr Stöcker.

    Bei Vollauslastung der Wirtschaft ist Sparen Voraussetzung für Investitionen (wenn man keine Inflation erzeugen will).

    Bei Unterauslastung der Wirtschaft (dies dürfte der Normalfall der letzten Jahrzehnte gewesen sein) lassen sich aber Nettokreditausreichungen für z.B. Investitionen nicht beliebig ausweiten, denn die neugeschöpften Depositen müssen auch von willigen Wirtschaftssubjekten gehalten werden (Sparen) (sonst entgleitet das ganze Wirtschaftssystem in ggf. Hyperinflation). Sparen kommt somit eine Stabilisierungsfunktion gegenüber Verschuldung zu. Ein höherer Zins als Vergütung für Sparen kann die Sparneigung erhöhen und Neuverschuldung und Sparen für eine betrachtete Periode in Einklang bringen.

    Richtig ist allerdings, daß in den letzten Jahrzehnten die Sparneigung nicht das Problem gewesen ist. Man hat eher nach Verschuldungskanälen gesucht.

    MfG

    Gefällt mir

    • Michael Stöcker schreibt:

      Sehr geehrter Herr Huthmann,

      vielen Dank für Ihren Kommentar, dem ich vollständig zustimmen kann. Sie hatten ja im Herdentrieb vor Kurzem eine Gleichung aufgestellt, die sehr schön die intertemporalen Zusammenhänge zwischen Verschuldung, Sparen und Entsparen aufzeigt (Sie werden von mir zukünftig keine Kommentare mehr im Herdentrieb lesen).

      Allerdings: Die Unterauslastung ist gerade eine Folge des Matthäus-Effekts: Und Sparwillige gibt es in Deutschland weiterhin ohne Ende; da sind wir wohl auch einer Meinung. Dass dies aufgrund der demografischen Entwicklung nicht ewig so weiter gehen wird, dürfte auch sehr wahrscheinlich sein. Leider werden aber nicht die notwendigen inländischen Investitionen getätigt, sondern automobile Blechträume im Rest der Welt befriedigt. Was bleiben wird, das sind uneinbringliche Forderungen und eine marode Infrastruktur mit schlecht ausgebildeter Bevölkerung. Und das alles im Namen der Heiligen Null. Keine guten Aussichten für die kommenden 30 Jahre.

      LG Michael Stöcker

      Gefällt mir

  3. CGB schreibt:

    @Huthmann: Wenn sie den Kausalzusammenhang verdrehen, kommen wir auf keinen grünen Zweig. Tatsächlich ist es so: Wird weniger gespart, müssen Investitionen nicht kreditfinanziert werden (Innenfinanzierung bzw. selbstfinanzierende Investitionen). Das Sparen erzwingt Verschuldung (das ist ganz wesentlich). Oder: Bei strengem Einnahmen-/Ausgabengleichschritt geht der Kreditbedarf einer Volkswirtschaft gegen Null. Ob eine Inflation entsteht oder nicht, hat damit noch überhaupt nichts zu tun – es hängt von der Relation zur Güterproduktion (bzw. zum Dienstleistungsangebot) und diesbezüglichen Erwartungen ab. Und Hyperinflation ist eine ganz andere Geschichte und hat viel mehr mit Währungssubstitution (sowie -spekulation) zu tun. Ein höherer Zins kann auch die Konjunktur abwürgen – wie das zur Rezession 1966/67 führte (vgl. http://www.saldenmechanik.info/files/saldenmechanik/Waldner_-_Die_Reinigungskrise_(Rezession)_%201966.67.pdf) – damit relativiert sich auch die Theorie, dass mehr gespart würde, weil der Zins erhöht würde (aber raffiniert argumentiert, keine Frage).
    MfG CGB

    Gefällt mir

  4. Huthmann schreibt:

    Zu CGB:

    Vollbeschäftigung:

    Investitionen bedürfen Sparens in gleicher Höhe für eine gegebene Periode. Wenn nicht in gleicher Höhe gespart wird, sondern weniger, also (I minus S) in den Konsum geht, haben wir eine Nachfrage, die um (I minus S) größer ist als die Produktionsmöglichkeiten sind, dann fließt (I minus S) in eine reine Preiserhöhung (Voraussetzung natürlich Gleichgewicht). Das ist die klassische bzw. neoklassische Sicht, die korrekt ist bei Vollbeschäftigung.

    Ich glaube, dass wir uns da einig sind.

    Hinsichtlich Unterbeschäftigung werde ich mich mit Ihrem Kommentar beschäftigen. Haben Sie vielen Dank und in ein paar Tage meine Rückmeldung geben.

    MfG

    Gefällt mir

  5. CGB schreibt:

    Selbst bei Vollauslastung: Wenn überhaupt nicht gespart wird, muss der Nächste, der investieren möchte dies nicht kreditfinanzieren, weil ersterer ihn durch seine zusätzlichen (nicht gesparten) Ausgaben dies ermöglicht (ex post haben wir Investitionen bei null Verschuldungszuwachs und null Geldvermögensbildung innerhalb dieser Periode). Konjunkturelles Gleichgewicht (ohne Preissteigerungen) ist in ihrem und meinem Fall grundsätzlich möglich.
    Wie auch immer, bin gespannt auf ihre Überlegungen hinsichtlich Unterbeschäftigung.
    Gruß

    Gefällt mir

  6. Huthmann schreibt:

    zu CGB:

    Vorausschicken möchte ich zunächst einmal mein allgemeines Verständnis von Wirtschaft.

    Aufgabe von Sparen ist es, später einmal Entsparen (meistens für Konsumzwecke) zu können.

    Darunter können z.B. fallen:

    – größeres Konsumgut kaufen
    – Konsum allgemein ermöglichen, wenn es kein Beschäftigteneinkommen mehr gibt oder es geringer ausfallen sollte (Altersvorsorge oder Vorsorge für potentielle Arbeitslosigkeit)

    Unter Risikogesichtspunkten stabilisiert Sparen das Gesamtsystem, den die zukünftigen Ausgaben sind „bereits erarbeitet worden“.

    Die Aufgabe von Verschuldung ist es, jetzt investieren oder konsumieren zu können, um später dann zurückzuzahlen (Tilgen).

    Unter Risikogesichtspunkten schwächt Verschuldung das Gesamtsystem, denn die zukünftigen Ausgaben müssen „erst erabeitet werden“ und man weiß de facto noch nicht, ob sie sich erarbeiten lassen.

    Verschuldung und Sparen sind somit Gegenspieler in der Zeit und ergänzen sich.

    Reales Wachstum in einer Marktwirtschaft entsteht dadurch, daß “ Produktivitätsschätze“ gehoben werden. Diese sogenannten Produktivitätsschätze (Mehrwert) können verschiedenster Natur sein und sind Innovationen im weitesten Sinne.

    Weder weiß man genau, wo diese „Produktivitätsschätze“ liegen, noch wie groß sie sind, noch wann sie sich wie bergen lassen werden. Mit zeitlicher Annäherung an potentiell bergbare „“Produktivitätsschätze“ nimmt der gesellschaftliche Optimismus zu und Investitionen werden als vielversprechender angesehen hinsichtlich der einzugehenden Risiken. Dies ist dann mit zunehmender Wahrscheinlichkeit der Eintritt in einen Boom: Investitionen werden nun getätigt, die nicht als Voraussetzung aus eigenem Entsparen finanziert werden müssen sondern die flexibel über das Eingehen von Verschuldung realisiert werden können. Mit zunehmender Nähe zu den zu bergenden „Produktivitätsschätzen“ steigen noch mehr „Unternehmer“ ein. Da die Größe der „Produktivitätsschätze“ im voraus nicht bekannt ist, kann man das nahende Ende erst dann erkennen, wenn man „überzogen“ hat, wenn also zu viele Investitionen getätigt worden sind. Dann ändert sich auch die Risikoeinstellung und somit das Ausgabenverhalten der Wirtschaftssubjekte. Nach einer Phase von Ausgabenwachstum (Boom) beginnt eine Phase von Sparen (Bust), der die Wirtschaft in eine Kontraktion führt.

    Ein Ausgabengleichschritt bei Eintritt in den Bust macht im Regelfall keinen Sinn, da den Ausgaben keine vielversprechenden Rückzahlungswahrscheinlichkeiten entgegenstehen (Investitionsreihe). Wenn der Staat intervenieren will, um die Konjunktur zu glätten, sollte er die eingespeisten Ausgaben in späteren Boomzeiten wieder zurückholen (eine Investition beginnt mit einer Ausgabe, der Einnahmen folgen müssen). Ein Einspeisen von Ausgaben zur Konjunkturglättung ohne das es zu einem späteren Rückziehen der Gelder kommen sollte, ist ein Gedankenkonstrukt, das nicht zur Nachhaltigkeit führt Es mag zwar kurz- und mittelfristig zu einem höheren Wachstumspfad führen, von dem aber bei Erreichen der Schuldentragfähigkeit spätestens wieder herunter muss (Tilgung). Weiterhin impliziert ein antizyklisches Verhalten eines Staates ein Investitionsgebaren, was vorgibt intelligenter vorzugehen, als es am Markt operierende Wirtschaftssubjekte tun, die für die Effizienz ihres Tuns auch noch persönlich haften. Das ist ein Widerspruch in sich.

    Hiermit kann man erkennen, dass die Gegenspieler Verschuldung und Sparen beide benötigt werden, um Risiko-Rendite-Verhalten in der Zeit bestmöglichst ausgleichen zu können.

    MfG

    Gefällt mir

  7. CGB schreibt:

    Hmhh, was soll ich dazu sagen, ich geb´s auf. Sorry und Grüße

    Gefällt mir

    • Huthmann schreibt:

      Ihre Meinung dazu äußern, denn nach der Finankrise sind wir ja alle auf der Suche nach einem gemeinsamen korrekten Verständnis wie Wirtschaft funktioniert.

      Meiner Ansicht nach ist es ganz wichtig, von der Wirtschaftsrealität auszugehen, um dann zu schauen, wo die Fehler in der VWL-Modellbildung sind. Denn dass die existierenden VWL-Modelle fehlerhaft sind, hat sich ja deutlichst herumgesprochen. Das geht ja soweit, daß die Ökonomen nicht mehr ernst genommen werden…

      MfG

      Gefällt mir

  8. CGB schreibt:

    Sehr geehrter Herr Huthmann,
    entschuldigen sie, sie haben recht. In diesem Sinne ein paar Überlegungen:
    Das Problem ist nicht das Sparen zu späterem Konsumzweck, sondern das Sparen, also Überschüsse kumulieren, mit dem Ziel und Zweck aus finanzwirtschaftlichen Investitionen regelmäßige und in Relation zu realwirtschaftlichem Wachstum überhöhte Einkommen zu erzielen und wenn erst mal die Unternehmen damit beginnen, …
    Vgl. Schulmeister (2013): Der neoliberale Wechselschritt.
    Der diesem Thema gewidmete Teil 4 (Zu nachlassenden Unternehmensinvestitionen), den sie ja kennen, schneidet auch die einzig vernünftige Lösung der Misere an – aus gutem Grund wird dieses Thema kaum erkannt bzw. bewusst nicht in den Fokus der Öffentlichkeit gestellt.
    Freilich ist die Wahrscheinlichkeit gering und einzelwirtschaftlich für den Unternehmer nicht rational im Abschwung in großem Stil realwirtschaftlich zu investieren.
    Natürlich ist der Ausgabengleichschritt ein ideales Konstrukt, welches bloß zeigen soll, dass nicht die Nettokreditaufnahme allein …
    Märkte sind nicht effizient, sie sind gesteuert. Der Staat ist nicht effizient und beispielsweise mit Quotenregelungen wird Ineffizienz in die Unternehmen übertragen. Das ist aber eine andere Geschichte. Mehr zu Auswirkungen unproduktiver Gleichstellungsdoktrin in Teams beispielsweise hier: http://www.open-mind.at/index.php/Dysfunktionale_Rangdynamik_/_PHASEN.
    Da IWF und Weltbank (Perkins/Stiglitz/Koo) über ausreichend Erfahrung verfügen, Volkswirtschaften erfolgreich zu boykottieren und dazu werden die Doktrin des freien, effizienten Marktes sowie hohe Schuldenquoten (im Bewusstsein der Öffentlichkeit) benötigt, gehe ich davon aus, dass es sich z.B. hierbei http://online.wirtschaftsblatt.at/chinesischeinvestitionen/
    um keinen „Unfall“ handelt.

    Gefällt mir

  9. Kritikaster51 schreibt:

    Die Geldpolitik ist völlig überschätzt und nur ein Teilaspekt!
    Zu lange haben Politiker und zahlreiche Volkswirte darauf vertraut, dass die monetäre Steuerung der Schlüssel zum Erfolg sei – nach der simplen Vorstellung „oben Geld rein – unten kommt Leistung heraus“. Aber Kapital ist eben nur einer der Produktionsfaktoren und in der historischen Betrachtung nicht der wichtigste, da höchste Wirtschaftsleistung meist mit Hochzinsphasen einherging. Daher haben Politik und Zentralbanken über lange Perioden versucht, durch Niedrigzinspolitik und Konjunkturprogramme die lahmende Wirtschaft mit wenig Erfolg anzukurbeln – und nicht zurückzahlbare Schuldenberge angehäuft.
    Weit wichtiger als das Kapital sind jedoch die technologisch-unternehmerischen Fähigkeiten, Werte zu schaffen. Und spätestens seit dem Eintritt Chinas, Südkoreas und zunehmend Indiens in die Weltwirtschaft, haben sich Innovation und Wachstum dorthin verlagert. Die Behauptung, es gäbe eine Wirtschafts- und Wachstumskrise ist bei globaler Betrachtung absolut falsch: In de letzten 20 Jahren 2-stelliger Wachstumsraten haben sich in China und Indien wohlhabende Mittelschichten in den Populationsstärken von EU oder den USA entwickelt. Das Wachstum ist rasant – es findet nur nicht in EU statt! Zahlreiche traditionelle Industrieländer sind bereits aus dem Wettbewerb ausgeschieden und werden, da bereits viele Felder beackert und Technologien unwiederbringlich verloren sind, nicht mehr aufholen. Das trifft auch bisher starke Industrienationen wie F, GB und selbst die USA werden schleichend deindustrialisiert. Und spätestens die Einführung der Elektromobilität wird den wirtschaftlichen Niedergang in der BRD einleiten, da zum einen die mechanischen Komponenten weitgehend entfallen, zum anderen die Erforschung von Batterien und Brennstoffzellen aus Renditegründen aufgegeben wurden. Die Lösung liegt damit nicht im Finanzsektor – sie läge allein in der Aggressivität, die technologische Führerschaft zurückzugewinnen.
    Aber hier sieht es in den vergreisenden, sozial und regulatorisch überfrachteten Industrienationen noch wesentlich düsterer aus.

    Gefällt mir

    • Michael Stöcker schreibt:

      Sie schreiben: „Aber Kapital ist eben nur einer der Produktionsfaktoren…“. Sie setzen hier Geld mit Kapital gleich. Ich empfehle Ihnen hierzu das Buch von Ulrike Herrmann. Vielleicht hilft Ihnen auch dieser Beitrag weiter: QE versus ML.

      Geld ist kein Produktionsfaktor sondern eine soziale Verpflichtungsrelation. Ansonsten stimme ich Ihrer ‚Geld-oben-rein-Kritik‘ durchaus zu.

      Was das Wachstum anbelangt: Wer bei null anfängt (China oder auch Deutschland in den 50er/60er Jahren) hat immer hohe Wachstumsraten. Dies ist aber eher eine mathematische Trivialität. Wenn beide Länder ein nominales pro Kopf Wachstum von 500 USD haben, dann liegt die Wachstumsrate bei einem BIP von ca. 46.000 USD (D) bei 1,1 %. Chinas BIP pro Kopf liegt bei ca. 6.800 USD. Und siehe da, wer von einer niedrigen Basis startet, der hat auch hohe Wachstumsraten: 7,35 %. Als Wirtschafts’wunder‘ bezeichnen das nur Menschen, die bei der Zinsrechnung gepennt haben. In einer endlichen Welt müssen alle Wachstumsraten langfristig gegen Null laufen. Die Bäume wachsen eben nicht in den Himmel und selbst Reiner Calmund scheint an seine Grenzen gekommen zu sein 😉

      „Die Lösung liegt damit nicht im Finanzsektor…“ Volle Zustimmung! Der muss sogar schrumpfen: „Expansion der Finanzmärkte schädigt das Wirtschaftswachstum“.

      LG Michael Stöcker

      Gefällt mir

  10. EraserFS schreibt:

    Citoyage leidet am grundsätzlichen keynesianischen Denkfehler, dass gegenwärtiger Verbrauch (mithilfe von genutzten Geldmitteln, in diesem Fall vom Staat oder denTransferempfängern) mittels zukünftiger Produktion nacherwirtschaftet werden muss (was man mit Wirtschaftswachstum verwechselt, weil es sich statistisch auf dieselbe Weise äußert) und man hofft, dass sich diese Nacherwirtschaftung auch in der Zukunft nachgelagerte Zukunften übersetzt bzw. fortgesetzt wird.
    Das ist aber nur möglich, wenn der ursprüngliche Anreiz auch in den nachgelagerten Zukunften durchgeführt werden kann bzw. wenn unendliche Verschuldung möglich ist. Das mag aus Perspektive eines einzigen Wirtschaftsakteurs möglich sein, objektiv wird aber lediglich Kaufkraft / (Kauf-)Vermögen transferiert sowie verbraucht und das geht wiederum nicht unendlich. Es ist auch wenig erstrebenswert, da nicht nur Finanzmarktakteure von dieser Umverteilung betroffen sind, sondern eben auch jeder Mensch, der versucht seine oder anderer Leute Investitionen mit Eigenmitteln zu finanzieren (aka zu „sparen“), statt wie erwünscht dazu Fremdmittel in Form von Bankkrediten zu nutzen und Teile seines zukünftigen Einkommens mit Finanzakteuren teilen zu müssen.
    Das Backen des gegessenen Kuchens ist also entgegen keynesianischem Verständnis nicht unendlich in die Zukunft hinauszuzögern und es sollte auch nicht versucht werden.

    @Huthmann
    Ich teile Ihr Wirtschaftsverständnis sowie Ihre Unzufriedenheit mit den angewandten VWL-Modellen (die praktisch alle eine Form des eben erwähnten keynesianischen Denkfehlers beinhalten). Daher hab ich mich in meiner VWL-Abschlussarbeit mal hingesetzt und mich mit der Theorie desjenigen beschäftigt, dessen Meinung zu Friedman oben als Youtube-Clip eingebettet ist und die graphische Illustration seiner Wirtschaftstheorie (Hayeks Dreieck) in eine funktionale Form gebracht. Interessanterweise ist das daraus entstehende Modell perfekt im wortwörtlichen Sinne bzw. ist es perfekt aus sich selbst heraus erklärt / vollständig endogen.* Nur ist es leider auch methodisch himmelweit von allem entfernt, woran etablierte Ökonomen gewöhnt sind, was die Verständnis massiv erschwert. Ich suche noch Personen, die es verstehen und sich für sowas interessieren.
    Falls Sie es sich einmal anschauen wollen (oder sonst irgendwer, der das hier liest), ich habe die Arbeit auf Academia.edu hochgeladen und sie ist über Google mittels „Hayekian Relational Model“ zu finden. Feedback dazu ist auch überaus erwünscht.

    *es ist dennoch beliebig exogenisierbar und in der Lage abzubilden, was auch immer man gerade sehen will.

    Gefällt mir

    • Michael Stöcker schreibt:

      Tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht folgen. Dies mag daran liegen, dass Sie Hayek und somit der randständigen Österreichischen Schule (O-Ton Braunberger) nahe stehen, die bis heute nicht begriffen hat, was Geld ist. Ich verweise hier nur exemplarisch auf Polleit, Taghizadegan und Hochreiter. Thomas Mayer (ex DB) scheint denen auch etwas abgewinnen zu können; der hat nun den neoklassischen Holzweg verlassen und ist in die österreichische Sackgasse eingebogen.

      Ich frage mich insbesondere, was Sie hier ’nachproduzieren‘ möchten??? Wir haben das Problem voller Lager bei Überkapazitäten, weil die Nachfrage nicht ausreichend hoch ist. Ursache hierfür ist die ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung. Als Folge werden keine neuen Investitionen getätigt sondern vielmehr die Kapazitäten nach unten angepasst. Unendliche Verschuldung ist natürlich nicht möglich. Daher plädiere ich ja gerade für ein wohldosiertes schuldfreies Geld (Citoyage).

      Erstrebenswert ist insbesondere nicht, dass Geld zu einem eigenständigen Asset wird. Denn Geld ist (von wenigen Ausnahmen abgesehen) im bisherigen System immer die Schuld eines anderen. Gibt es eine zu hohe monetäre Ersparnis, dann kippt das Gleichgewicht von Ver- und Entschuldung und das System kommt zu einem sich selbst strangulierenden Absturz.

      Bei meinem Vorschlag wird zudem keiner benachteiligt: Jeder erhält den gleichen Betrag gutgeschrieben (80 EUR pro Person im Monat). Bei einem Standard 4-Personenhaushalt entspricht dies 3.840 EUR im Jahr. Bei einer Zielinflationsrate von 2 % gibt es also bis zu einem Geldvermögen von 192.000 EUR pro Haushalt keinen inflationären Kaufkraftverlust, da die Citoyage für die Sparer zugleich eine monetäre Inflationskompensation ist. Dies gilt allerdings nur dann, wenn keine weiteren hohen Einkünfte vorliegen. Ansonsten wird bei den hohen Einkommen der inflationsneutrale Sparbetrag durch den Grenzsteuersatz bestimmt und kann daher auch bei ca. 100.000 EUR liegen. Dies sollte doch für den Durchschnittsbürger ausreichend hoch sein; sogar für eine solide Immobilie, für die man mindesten 30 % EK haben sollte. Insofern geht Ihr „Back“-Beispiel völlig an der aktuellen Realität vorbei, da ich nicht mikroökonomisch sondern makroökonomisch argumentiere. Die VWL-Modelle (HD, IS-LM, DSGE etc.) können alle die Realität nicht näherungsweise abbilden, da sie das Thema Geld ausgeklammert haben.

      Eine Empfehlung zum Schluss: Suchen Sie weniger bei Hayek nach der Wahrheit, sondern ergründen Sie das Thema Geld. Hilfreich ist hier insbesondere Perry Mehrling und Lord Adair Turner. Danach kann auch eine Lektüre von Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises durchaus erkenntnisreich sein.

      LG Michael Stöcker

      Gefällt mir

      • EraserFS schreibt:

        Mir ist durchaus nicht entgangen wie Citoyage funktioniert. Das wäre auch bedenklich nachdem Sie sie in diesem Blogbeitrag ausführlich beschrieben haben. Davon mal abgesehen ist die Zielstellung, Zinsgewinne im Finanzsektor zu mindern, auch keine neue Idee, sondern häufig bei Neo-Keynesianern anzutreffen. Nur die Bezeichnung und diese spezielle Möglichkeit war mir so noch nicht geläufig.
        Meine Kritik richtet sich gegen die darunter liegende (keynesianische) Überlegung, dass man mit Geldmitteln die „Nachfrage verstetigen“ / Kaufkraft erhöhen / Geldnachfrage erhöhen sollte (der genannte Hauptzweck der Citoyage).
        Was damit erreicht wird habe ich beschrieben (im besten Fall: temporäre Nacherwirtschaftung, messbar als Wirtschaftswachstum, usw).

        Die Spezialität der Citoyage liegt meines Erachtens gerademal darin, dass die Verwendung der zusätzlichen Geldmittel zweckgerichtet wird auf reale Güter (durch die effektive Auszahlung an Bürger mit hoher Konsumquote / geringem Einkommen) und damit zumindest die Verwendung der Geldmittel für Derivative gemindert wird. Denn das hat auch meiner Meinung nach den Effekt, dass dies lediglich Finanzeinkommen steigert, welches zu guten Teilen sehr wenige Prozente der Bevölkerung einnehmen.
        Nur weise ich Sie darauf hin, dass diese ganze Überlegung, nicht nur die spezielle Form als Citoyage, darauf ausgerichtet ist, weiterhin Fremdmittel in Form von Giralgeld als notwendige Grundlage für Investitionen zu betreiben. Denn Eigenmittel anhäufen aka „sparen“ wird notwendig weiterhin verhindert. Ich weiß, das ist in gewisserweise auch das Ziel. Nur hat es den erwähnten Nebeneffekt, dass damit Investoren in reale Güter notwendig ihr zukünftges Einkommen mit denen teilen müssen, denen sie an anderer Stelle erklärtermaßen das Zinseinkommen streichen wollen, um Einkommens- und Vermögenskonzentration zu mindern.
        Verstehen Sie jetzt, was ich meine? Diese gesamte Vorgehensweise erzeugt Vermögens- und Einkommenskonzentration – notwendig. Citoyage ist nur eine spezielle Methode dieser Vorgehensweise, die bestenfalls den direkten Konzentrationseffekt umgeht..

        Zum Thema Hayek und österreichische Schule:
        Wenn Sie meinen. Ich halte es nicht für eine Sackgasse und meines Erachtens wurde von dieser Denkschule die abstrakte und eigenständige Funktionsweise des ökonomischen Prozesses, dessen eigenständige Funktionalität von Keynes explizit in Abrede gestellt wurde und Grundlage einer Reihe seiner Überlegungen bildet, außerordentlich gut verstanden.
        Auch die normativen Haltungen entsprechen eher meiner Interessenlage, da ich nicht gewillt bin, Wirtschaftswachstum aus diversen Gründen und mit allen erdenklichen Mitteln zu erzwingen, zentrale Anreize für alle Wirtschaftsteilnehmer zu setzen, um eine gleichförmige (gewünscht ist expansive) Bewegung zu erzeugen (und mich nachfolgend über die Gegenbewegung zu beschweren und zu wundern) und auch nicht gewillt bin, mittels Inflationsziel die Illusion stetiger Knappheit zu erzeugen.

        Warum? Zum einen weil ich keinerlei Kontroll- und Steuerungsbedürfnis anderer Menschen verspüre. Und zum anderen, weil ich nicht der meines Erachtens begrifflichen Verwirrung von Arbeit und Beschäftigung folge, unter der Keynes litt, die beides als Produkt des ökonomischen Prozesses betrachtete, dessen Output es auf ein gesellschaftlich optimales Niveau anzuheben gilt (aka Vollbeschäftigung).
        Arbeit ist zur Kombination der Produktionsfaktoren notwendig, womit es sich bei (wertvoller) Arbeit und Beschäftigung unbestreitbar ebenfalls, um einen knappen Produktionsfaktor handelt, nicht um ein Produkt. Der ganze ökonom. Prozess ist nur dazu da, um knappe Ressourcen dazu zu nutzen, um prinzipiell unendliche Bedürfnisse bestmöglich zu befriedigen. Die elementare Ressource dieses Prozesses (Arbeit) voll auszulasten, um jeden Preis, ist ökonomisch betrachtet demnach vollkommener Unfug bzw. dem gesamten Sinn und Zweck dessen, was als wirtschaften bezeichnet wird, entgegengerichtet.
        Wer das anders sieht und dem darauf aufbauenden Funktionsapparat folgen will. Meinetwegen.

        Zum Abschluss möchte ich Ihnen auch etwas empfehlen (und Interessenten gewinnen 🙂 ): Meine vorher erwähnte Arbeit, denn wie man auf die Idee kommt, das HD würde Geld nicht in seiner Darstellung miteinbeziehen ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Sicher, es bildet nicht die heutige Funktionsweise des Geldschöpfungsprozess und damit einhergehende Implikationen ab, von denen einige auch interessant und wichtig sein können, das ist aber auch nicht das Ziel bzw. wird Geld und seine Anreiz- und Allokationsfunktion innerhalb des abstrakten Prozesses außerordentlich klar dargestellt.
        Das zeigt sich im Modell vor allem dadurch, dass ein Prozess ohne qualitative Ebene auf der irgendein Medium zwischen Waren eingesetzt wird, welches die klassischen Geldfunktionen besitzt und seine Prozessfunktionen erfüllt, gar nicht funktionieren kann. (Oder anders gesagt muss es sich bei einem Prozess ohne qualitative Ebene um eine reine Tauschwirtschaft handeln, die Arbeitsteilung massiv erschwert.)
        Soweit ich weiß, ist das sogar eine der Hauptaussagen von Mises, die die Kalkulationsdebatte angestoßen hat…hm…

        Gefällt mir

  11. Huthmann schreibt:

    An EraserFS

    Ihre Argumente und Einwendungen sind gut und man muss darüber nachdenken, wenn man sich einem besseren Abbild der Wirtschaftsrealität – nach dem Schock der Finanzkrise – nähern möchte.

    Das Hayek-Dreieck ist mir bekannt und ich denke, es einigermaßen begriffen zu haben.

    Eine Vertiefung dieses Wissens scheint mir aber angebracht zu sein.

    Ich werde Ihre Arbeit deswegen gerne lesen.

    Grundsätzlich gilt meiner Ansicht nach:
    Eingriffe von nicht-selbsthaftenden Protagonisten in das Wirtschaftsgeschehen sollen soweit wie irgendwie möglich unterbleiben. Warum? Weil sie die Risiko-Rendite-Struktur künstlich verändern ohne für die Veränderung letztendlich haften zu wollen. Diese Eingriffe reduzieren das Risiko auf der einen Seite, erlauben somit tendenziell künstlich risikoärmere Gewinne für einen Teil der Wirtschaftssubjekte (HEUTE) und führen bei mehrmaliger Anwendung AUTOMATISCH als statistischer Erwartungswert zu einer ungerechteren Einkommens- und Vermögensverteilung (spätestens ÜBERMORGEN).
    Die Finanzwirtschaft schöpft davon einen erheblichen Anteil ab und ist ja heute immer noch systemrelevant, d.h. wird, wenn ein Abschwung droht von der öffentlichen Hand (siehe oben: eingreifender Protagonist) „gerettet“.

    MfG

    Gefällt mir

  12. Baseline schreibt:

    Lieber Herr Stöcker,
    haben Sie diesen Beitrag von Michael Pettis aus Beijing gesehen und gelesen?

    http://blog.mpettis.com/2015/10/how-to-spend-thin-airs-endogenous-money/

    Ihre Meinung dazu interessiert sicher nicht nur mich …

    LG
    Baseline

    Gefällt mir

    • Michael Stöcker schreibt:

      Herzlichen Dank für diesen Link. Dort findet sich insbesondere der Hinweis auf das neue Buch von Turner, das ich definitiv lesen werde, da ich ihn für einen der profiliertesten Kenner halte. Zudem enthält der Titel eine Anspielung auf Goethe und somit wiederum auf Binswanger. Also nochmals vielen Dank.

      Für eine qualifizierte Antwort bitte ich um ein paar Tage Geduld. Nur so viel vorne weg: In der Tat wird somit das monetäre Gleichgewicht von S und I durcheinander gewirbelt; aber dies ist ja gerade die Zielstellung, damit es überhaupt in gesättigten Märkten zur Inflation kommen kann und Geld seinen Status als eigenständiges Asset wieder verliert. It’s not a bug, it’s a feature. Man darf es eben nur nicht übertreiben. Daher sammelt bei meinem Vorschlag der Staat das Geld auch wieder zum Teil ein und tilgt via Haushaltsüberschüsse diese ewige Schuld und bringt damit das monetäre S und I wieder näher zueinander.

      LG Michael Stöcker

      Gefällt mir

  13. Huthmann schreibt:

    Guten Tag Herr Stöcker,

    einer von vielen Vorteilen der Österreicher ist, dass sie die Konjunkturzyklen intertemporal so erklären, wie nach Ansicht der meisten wirtschaftlich tätigen Praktiker Aufschwung und Abschwung abläuft: eben als heuristischer Prozeß der zumeist kreditgetriebenen Übernachfrage, der dann ein Anpassungsprozeß danach folgen muss. Diese so einfachen und so richtigen Zusammenhänge finde ich in anderen Modellen so nicht.

    Natürlich kann man sogenannte Details dieses Modells kritisieren, wie das der auch von Ihnen oben verlinkte Artikel tut. Und man tut sicher gut daran, sich mit dieser Kritik zu beschäftigen. Beim ersten Überfliegen dieser Kritik erscheint mir aber vieles sehr sehr akademisch.

    MfG

    Gefällt mir

  14. CGB schreibt:

    Huthmann, also der Trick der Österreicher ist folgender. Es wird der Spekulationskredit vernachlässigt und nur Kredit an sich für Blasenbildung verantwortlich gemacht. Wenn eine Blase platzt plädiert man auf restriktive Geld UND Fiskalpolitik (wenn die Wirtschaft dann abschmiert, dann eben deshalb weil man doch nicht mit den gleichen Mitteln die Krise bekämpfen können, die zu ihr geführt haben – „Reinigungskrise“) – schauen sie sich doch die Argumentation Hajeks in den 1930ern an (z.B. auch Belege hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Weltwirtschaftskrise#.C3.96sterreichische_Schule)
    Gruß

    Gefällt mir

  15. Herbert Wolkenspalter schreibt:

    Herr Stöcker, ich habe gerade von bto rübergemacht, weil Sie dort auf meinen Kommentar geantwortet hatten.

    Ich habe die vielen Kommentare hier nicht gelesen, vielleicht wurde es schon erwähnt: Was Sie mit der Citoyage vorschlagen, ist auch beim Vollgeld vorgesehen ohne den Nachteil der „ewigen“ Krediteigenschaft der umlaufenden Geldmenge. Genauer gesagt, es besteht die demokratische Option der Entscheidung, zu welchen Teilen der Staat bzw. die Bürger jedes Jahr bedient werden. Welches Parteiprogramm die Bürger vorzugsweise wählen würden, dürfte unschwer zu erraten sein.

    Insofern wäre Ihre Idee identisch mit dem Vollgeldsystem, falls ich nicht irgendwas übersehen haben sollte.

    Gefällt mir

    • Michael Stöcker schreibt:

      Mein Vorschlag hat mit dem Thema Vollgeld nichts zu tun, auch wenn es auf den ersten Blick den Anschein hat. Aber dieser Schein trügt.

      Die Vollgeldidee basiert auf einem fehlerhaften Geldsystemverständnis. Schuld hierfür ist die monetaristische Irrlehre, die auch die Bundesbank bis zum Beginn der Finanzkrise 2007 zum Besten gegeben hatte (siehe hierzu der Beitrag Bankmythen). Unser Geldsystem ist aber sowohl hierarchischer als auch hybrider Natur. Diesen Sachverhalt/Mega-Missverständnis habe ich in meinem jüngsten Beitrag zur Krise des Kapitalismus nochmals dargelegt: https://zinsfehler.files.wordpress.com/2016/01/die-krise-des-kapitalismus1.pdf

      Dr. Renée Menéndez vom Blog Soffisticated hat diesen Sachverhalt zum wiederholten Male jüngst anhand der Schweizer Vollgeldinitiative dargelegt. Wir schreiben uns hierzu seit Jahren die Finger wund; genutzt hat es bislang wenig. Es gibt aber Hoffnung, da ich zumindest einen Vollgeldjünger bekehren konnte:
      http://insideparadeplatz.ch/2015/10/28/9-von-10-franken-von-geschaeftsbanken/#comment-120255. Meine Antwort dazu finden Sie hier: http://insideparadeplatz.ch/2015/10/28/9-von-10-franken-von-geschaeftsbanken/#comment-120443.

      Warum Vollgeld einem Missverständnis geschuldet ist, das können Sie hier nachlesen:
      https://soffisticated.wordpress.com/2012/04/11/verirrungen-zwischen-giralgeld-und-zentralbankgeld/
      https://soffisticated.wordpress.com/2016/01/08/schweizer-spezialitaeten/
      Alle Beiträge zu dieser Narretei finden Sie unter diesem Link: https://soffisticated.wordpress.com/tag/geldschopfung/

      LG Michael Stöcker

      Gefällt mir

      • Herbert Wolkenspalter schreibt:

        Bevor ich geschlagene 7 andere Webseiten studieren muss und vorher nicht weiß, wo das Entscheidende steht, könnten Sie nicht mit wenigen Sätzen sagen, was das Wesentliche ist? (Beispiele für aufs Wesentliche Konzentriertes finden Sie innerhalb der beiden letzten Absätze dieses Kommentars in insgesamt nur zwei Sätzen und einem halben.)

        Dazu konkrete Fragen, was fürs Erste zu beantworten reichen sollte:

        1) Worin der Fehler/Irrtum des Vollgeldsystem-Verständnisses liegen soll (und bei wem, nachdem er etwas darüber geschrieben hat)

        2) Wie bei „Ihrem“ System die Geldschöpfung geschieht, insbes. ob sie zinsbehaftet ist wie in unserem jetzigen System

        Sie dürfen davon ausgehen, dass ich weiß, wie die Geldschöpfung in unserem jetzigen System geschieht und ggf. darauf referieren, um Ihre Antwort kurz zu halten. Kurz gesagt, frisches Geld, das von einer Bank als Kredit ausgegeben wird, kommt aus dem Nichts und bleibt Kredit des betreffenden Kreditnehmers, solange es umläuft. Die Krux an diesem System ist, dass de facto ständig mehr Geld – ergo als zinsbehafteter Bankkredit – in Umlauf kommen muss, um Rezession/Deflation zu vermeiden, was andererseits eine gigantische Schuldenblase aufbaut.

        Zufällig bin ich beim Googeln zwecks einer Begriffsklärung auf einen Kommentar von Ihnen auf Cicero gestoßen, wo Sie behaupten, dass frisch, d.h. zusätzlich(!) in Umlauf kommendes Geld -nicht- aus dem Nichts käme, was selbsterklärend nur falsch sein kann. Ich möchte zwar Ihren Antworten nicht vorgreifen, aber das könnte entscheidend für das Verständnis von Systemen sein.

        Gefällt mir

        • Michael Stöcker schreibt:

          Ad 1) Die Vollgeldbewegung ignoriert die Zweistufigkeit (Hierarchie), alle anderen die Hybridität (Münzgeld-Seigniorage sowie ex post Staatsanleihen-Seigniorage; einen realen Gewinn gibt es selbstverständlich in beiden Fällen nicht, ist aber verteilungswirksam). Giralgeld ist etwas anderes als Zentralbankgeld! Banken erzeugen auf Basis eines Kreditvertrags Schuldverhältnisse und managen diese, aber sie erschaffen niemals Geld im Sinne des gesetzlichen Zahlungsmittels. Das kommt ausschließlich von der Zentralbank. Siehe hierzu auch Perry Mehrling: http://www.perrymehrling.com/2-the-natural-hierarchy-of-money/

          Ad2 ) Zinsfrei: Ewige Forderung an Bürgergeld; reine Bestandbuchung.

          Und mein Kommentar bei Cicero war selbstverständlich korrekt! Nur nicht für Vollgeldler, die unablässig behaupten, dass ein Kreditvertrag NICHTS sei und stoisch ignorieren, dass Giralgeld etwas anderes ist als Zentralbankgeld.

          Der erhobene Zins fehlt selbstverständlich nur dann, wenn er missbräuchlich verwendet wurde: https://soffisticated.wordpress.com/2013/08/14/risikoruckstellungen-eine-ungeliebte-notwendigkeit/

          Nicht die erhobenen Zinsen sind das Problem, sondern deren missbräuchliche Verwendung sowie insbesondere die fehlende Antriebsenergie des Kapitalismus in gesättigten Märkten: https://zinsfehler.files.wordpress.com/2016/01/die-krise-des-kapitalismus1.pdf

          Ich hoffe, ich konnte in der gewünschten/gebotenen Kürze das Wesentliche zurechtrücken. Falls es jetzt immer noch nicht klar sein sollte, dann müssen Sie sich wohl oder übel doch durch die Links durcharbeiten.

          LG Michael Stöcker

          Gefällt mir

        • Herbert Wolkenspalter schreibt:

          Nein, Herr Stöcker, ich habe nur Bahnhof verstanden („Zweistufigkeit“, „Hierarchie“, „Hybridität“), weil keine kausalen Zusammenhänge dastehen, nur fallengelassene Vokabeln.

          Ich vermisse bei Ihnen vor allem auch etwas, aus dem man schließen könnte, dass Sie den Wesenskern einer Sache überhaupt als solchen erkannt haben, bevor Sie mehr ins Spiel bringen (—› Cicero-Kommentar). Was hinterher oder peripher kommt, löscht den Anfang nicht und damit auch nicht die durch den Anfang bedingten, systemimmanenten Eigenschaften.

          So habe ich den Eindruck, dass es da nicht nur ein didaktisches Problem gibt. Hier mal einen effizient kompakten, zusammenhängenden Kurzabriss zu finden, bei dem man die typischerweise wenigen, wirklich entscheidenden Dinge beisammen hat und kausal nachvollziehen kann, das wär’s gewesen. Dann gäbe es Gründe, sich dafür zu weiter zu interessieren. Nun nehme ich gerade soviel von hier mit, dass ich das Gefühl habe, als wäre ich gar nicht dagewesen. (Dabei habe ich ansonsten Schul- und Studienabschlüsse, die nicht besser sein könnten.)

          Kurzum, ich habe zu diesem Thema schon richtig einleuchtende Sachen gelesen, die nachvollziehbare Klarheit schaffen und auch weitere Überlegungen möglich machen, darunter auch Gegenprüfungen sowie Ideen, die Stress machen könnten.

          Man soll zwar niemals nie sagen, aber bis heute ist mir noch kein einziges Argument gegen das Vollgeld untergekommen, das entweder nicht gründlich durchdacht und deshalb widerlegbar war – oder aber per Vollgeld nicht erfüllbare, wirtschaftspolitische Interessen bereits in der immanenten Funktion des Geldsystem verankert haben wollte, was dort grundsätzlich nicht hingehört, weil es die Freiheitsgrade (nicht nur) der Politik ebenso immanent einschränken würde.

          Gefällt mir

  16. felsberger2012 schreibt:

    Herr Wolkenspalter: Man muss immer zwischen Wirklichkeit und Wunsch unterscheiden! Die Verrücktheit der „Vollgeld-Theoretiker“ liegt darin, dass sie sich etwas wünschen ohne ein Bild von der Wirklichkeit zu haben. Sie erinnern an kleine Kinder, die den Apfel vom Boden zum Baum fliegen sehen wollen ohne von den Schwergesetzen Kenntnis zu haben. Ich kann (und will) Ihnen nicht die Irrtümer der „Vollgeld-Theoretiker“ aufzählen, aber ich kann Ihnen sagen wie die Wirklichkeit funktioniert: Der Arbeiter schiesst dem Unternehmen Arbeitsleistung vor, woraus sich eine offene Forderung des Arbeiters gegen das Unternehmen ergibt. Das Unternehmen schliesst einen Kreditvertrag mit einer Geschäftsbank ab und tilgt durch Überweisung des Geldes an den Arbeiter seine Schuld. Der wiederum kauft Ware beim Unternehmen, das Geld fliesst zum Unternehmen zurück und der Kreditvertrag mit der Bank wird geschlossen. Am Ende des Kreislaufs hält niemand mehr eine Forderung, alles Geld ist verschwunden. Wann immer Geld übrigbleibt, sind das offene Forderungen auf Waren gegen das Unternehmen. Man kann sich nun wünschen, dass Unternehmen nie in Konkurs gehen, sodass die Forderungen in Zukunft immer bedient werden. Nur hat das leider mit der Wirklichkeit nichts zu tun…….

    Grüsse
    Alfred Felsberger

    Gefällt mir

    • EraserFS schreibt:

      Unabhängig vom Thema Vollgeld wollte ich nur kurz anmerken, dass in Ihrem Beispiel der Einsatz von Geld und damit eine dieses zur Verfügung stellende Bank vollkommen überflüssig ist, da die Verbindlichkeit des Unternehmens / Forderung des Arbeitnehmers auch gleich mit dem Unternehmensprodukt geleistet werden kann. Vorteil: die Bank erhält keinen Anteil am Unternehmensprodukt für seine Leistung (Geld zur Verfügung zu stellen).

      Gefällt mir

      • Michael Stöcker schreibt:

        Theoretisch ganz nett, aber was nützt dem VW-Mitarbeiter ein Auto, wenn er Hunger hat. Und vom gegenseitigen Haareschneiden werden weder der Meister noch seine Angestellten satt. Wir sollten doch nicht die Errungenschaften einer Zahlungswirtschaft wieder einer idyllischen Tauschwirtschaft opfern.

        LG Michael Stöcker

        Gefällt mir

        • EraserFS schreibt:

          Irreführendes konkretes Beispiel, da die Notwendigkeit eines anderen Produzenten (von Nahrungsmitteln) dem Beispiel hinzugefügt wird.
          Man kann auch gleich bei nur einem Produzenten bleiben und sich darunter konkret einen Nahrungsmittelproduzenten oder eben eine Nahrungsmittelindustrie vorstellen.

          Nehmen wir mal das beliebte konkrete Beispiel vom Kokusnussproduzenten Robinson Crusoe und seinem Arbeitnehmer Freitag.
          Wenn Freitag bis zum Abschluss seiner täglichen Kokusnussproduktion von sagen wir 10 Kokusnüssen selbst 5 Kokusnüsse braucht, um sich zu ernähren, dann muss Robinson eben genauso viele Kokusnüsse aus seiner eigenen, gestrigen Produktion vorhalten. Wenn Robinson selbst nur 6 Kokusnüsse pro Tag produziert und wenigstens 5 verbrauchen muss, um sich selbst zu ernähren, muss er 5 Werktage lang eine Kokusnuss sparen, um sich Freitag einen Arbeitstag lang leisten zu können. Nach dem ersten gemeinsamen Arbeitstag sind insgesamt 16 produziert worden, 5 davon selbst sofort von Robinson konsumiert worden und zusätzlich die vorherigen ersparten 5 Kokusnüsse von Freitag konsumiert worden. Damit sind 11 Kokusnüsse für den nächsten Tag vorhanden, abzüglich der 5 Kokusnüsse die für Freitag zurückgelegt werden, stehen noch 6 Kokusnüsse zur Verfügung. Robinson kann also sogar noch einen Donnerstag mit einem täglichen Konsum <=6 in seiner Kokusnussproduktion einstellen.
          Sehen Sie den Kredit in diesem Beispiel? Es sind die 5 Kokusnüsse, die Robinson erspart hat und für Freitag zur Verfügung stellt. Es ist gleichzeitig sein Kapital in Form der Aktiva Kokusnüsse. Und noch besser, es ist kein Fremdkapital sondern Eigenkapital.
          Dadurch zeigt ihnen dieses dümmliche Beispiel auch wie Kapitalismus funktioniert, denn es gilt für 3 Agenten in einer simplen Kokusnusswirtschaft wie auch für 7 Milliarden in einer ungleich komplexeren Wirtschaft.

          In Ihrer Vorstellungswelt scheint Donnerstag eine Bank zu sein, die auf eine Muschel den Anspruch auf 5 Kokusnüsse schreibt, diese Muschel an Robinson ausgibt und dieser seinerseits diese Muschel am Anfang des Tages an Freitag übergibt. Die 5 Kokusnüsse zur Versorgung von Freitag existieren aber trotzdem nicht. Oder anders formuliert, dieser Muschelkredit existiert notwendig zu Lasten einer vierten Person, die auf 5 Kokusnüsse verzichten muss (die im Beispiel nicht existiert).

          Im obigen Beispiel kann man problemlos Muscheln als Kredit einfügen, die Zugriff auf die 5 ersparten Kokusnüsse gewähren, nur ist Robinson die Bank oder eben der Anleger, der seine Kokusnüsse auf einer Bank anlegt.

          Der definitorische Unterschied, den Sie zwischen einer Tauschwirtschaft und Geldwirtschaft sehen, existiert eigentlich nicht bzw. ist es gerade der Systemfehler. Oder in ihren Worten: "It's not a feature, it's a bug!"

          Gefällt mir

        • Michael Stöcker schreibt:

          Lieber Herr Schmidt, ich hoffe doch sehr, dass Ihnen der Unterschied zwischen einem Sachdarlehen und einem Kreditvertrag geläufig ist. Ich kann nämlich beim besten Willen keinen Kredit in Ihrer Tauschökonomie sehen. Die wirtschaftliche Dynamik des Kapitalismus ist jedoch ohne Kreditverträge nicht denkbar. Wie lautet noch gleich das Motto des HERDENTRIEB:

          „Wer mit dem geistigen Rüstzeug der Tauschwirtschaft die Geldwirtschaft analysiert, kommt zu den falschen Schlüssen.“

          LG Michael Stöcker

          Gefällt mir

        • EraserFS schreibt:

          Mehrere, und kein einziger davon ist für das ausgeführte Beispiel relevant.
          Falls Sie da anderer Ansicht sind, zeigen Sie doch bitte, an welcher Stelle einer diese Unterschiede systematisch relevant ist.

          Meine Hypothese besteht nämlich darin, dass Sachdarlehen eine Subkategorie von Darlehen sind, welche wiederum selbst eine Subkategorie von Kredit sind bzw. ist das eine eine Teilmenge des anderen. Damit gilt zwingend dieselbe Systematik für (Sach-)Darlehen wie für Kredit und es bei den definitorischen Unterschieden um für die Systematik irrelevante Eigenschaften handelt.
          Wünsche viel Spaß beim Versuch und ein schönes Wochenende.

          Gefällt mir

        • Michael Stöcker schreibt:

          Das war aber ein kurzer Spaß schon vor dem Wochenende, Herr Schmidt.

          Bei einem Sachdarlehen wird eine bereits erstellte Leistung übertragen. Bei einem Kredit wird diese Leistung mittels dieses Kredits neu und somit zusätzlich geschaffen. Kapitalismus ist eine dynamische Veranstaltung und keine statische Tauschwirtschaft.

          LG Michael Stöcker

          Gefällt mir

        • EraserFS schreibt:

          Diese Ihre höchsteigene subjektive Definition ist inkonsistent zur Existenz von Gelddarlehen und für das erklärte Beispiel vollkommen irrelevant.
          qed

          Gefällt mir

        • Michael Stöcker schreibt:

          Ich habe das Gefühl, wir schreiben aneinander vorbei. Mit Ihrer Antwort kann ich jedenfalls nichts anfangen. Was auch immer Sie glauben bewiesen zu haben.

          LG Michael Stöcker

          Gefällt mir

        • EraserFS schreibt:

          Es ist ein Fehler von sich auf andere zu schließen; wenn auch zugegebenermaßen praktisch. Ich verstehe Sie sehr gut.

          Viel Glück noch.

          Gefällt mir

        • Michael Stöcker schreibt:

          Ich bin mir nicht so sicher, ob Sie mich „sehr gut“ verstehen. Sie erwähnen das Gelddarlehen. Ist Ihnen der Unterschied zwischen einem privaten Gelddarlehen und einem Bankdarlehen bewusst? Bei einem Bankdarlehen wird zusätzliches Giralgeld geschöpft (Bilanzverlängerung) während bei einem privaten Darlehen die Bankbilanz unverändert bleibt; zumindest dann, wenn beide ihr Konto bei derselben Bank haben. Falls nicht, dann kommt es durch die Überweisung der Kreditsumme zu einer Bilanzverkürzung bei der Bank des Darlehensgebers und zu einer Bilanzverlängerung bei der Bank des Darlehensnehmers.

          Durch einen Bankkredit wird also zusätzliche Kaufkraft geschöpft, während bei einem privaten Gelddarlehen bereits durch einen in der Vergangenheit vergebenen Kredit existente Kaufkraft umgeschichtet wird.

          Und Danke für: „Viel Glück noch“; denn das ist absolut notwendig. Aber ich gebe mich hier keinen Illusionen hin. Seit Aristoteles haben wir nichts dazu gelernt und/oder verweisen auf ihn ohne ihn wirklich zu verstehen. So auch Jens Weidmann:

          „Geld ist in diesem Sinne eine gesellschaftliche Konvention – es hat keinen eigenständigen Wert, der der Nutzung vorgelagert ist, sondern sein Wert entsteht erst durch den ständigen Austausch und den Gebrauch als Geld. Diese Erkenntnis, dass Vertrauen zentral, ja konstitutiv für die Geldeigenschaft ist, ist übrigens schon sehr alt. Aristoteles hat sie bereits im 4. Jahrhundert vor Christus in seiner „Politik“ und der „Nikomachischen Ethik“ herausgearbeitet.“ http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Reden/2012/2012_09_18_weidmann_begruessungsrede.html

          Diese elementare Erkenntnis hatte er dann ein Jahr später schon wieder vergessen: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/11/14/die-leiden-des-jungen-w/

          Gefällt mir

    • Michael Stöcker schreibt:

      Sehr geehrter Herr Felsberger, sehr geehrter Herr Wolkenspalter,

      ich war mal so frei und habe mir erlaubt, die Kommentare zu löschen, die nicht gerade dazu geeignet waren, eine konstruktive Diskussion voranzutreiben. Es macht keinen Sinn, dem anderen Verrücktheiten oder sonst was vorzuwerfen; auch dann nicht, wenn man eigentlich nur eine fehlerbehaftete Sichtweise gerade rücken möchte. Hier gibt es ein gutes Beispiel, wie schnell so etwas entarten kann: http://insideparadeplatz.ch/2015/10/28/9-von-10-franken-von-geschaeftsbanken/#comment-119812

      Dass in unserem Finanzkapitalismus etwas schief läuft, daran zweifelt wohl niemand mehr ernsthaft. Wenn wir hier gegensteuern möchten, dann benötigen wir allerdings zuerst eine stringente Problemanalyse, weil wir ansonsten auf Basis einer fehlerhaften Theorie („Vulgär-Monetarismus“ in Anlehnung an den Vulgär-Keynesianismus) temporär das Richtige tun (mehr schuldfreies Geld via Monetative), langfristig damit aber ganz andere Probleme erzeugen werden.

      Als ich 2012 auf Joseph Huber gestoßen bin, schienen mir seine Analysen im ersten Moment auch sehr schlüssig. Ich musste aber dann sehr schnell feststellen, dass sein gesamtes Konstrukt auf einem simplifizierenden Monetarismus aufbaut, dessen Fundamente die alten Irrlehren der Deutschen Bundesbank bilden. Die Bundesbank hat sich 2008 von ihren eigenen Irrlehren verabschiedet, aber leider haben dies die meisten von uns weder mitbekommen, geschweige denn verstanden, welch elementare Bedeutung dieser Perspektivwechsel eigentlich hat.

      Wie schwierig das Thema ist, können Sie zudem daran erkennen, dass unsere Ökonomen immer noch glauben, dass Banken das Geld der EZB verleihen. Hier als Beispiel ein ansonsten guter Beitrag von Thomas Straubhaar: http://www.welt.de/wirtschaft/article136701644/Liebe-Deutsche-in-der-EZB-sitzen-keine-Idioten.html. Wenn die Fachleute es nicht auf die Reihe bekommen, dass Banken kein Geld verleihen, dann haben wir den Sprung aus dem monetären Mittelalter leider immer noch nicht vollzogen.

      Ich hatte im Oktober 2015 bei Daniel Stelter einen längeren Kommentar zu den Irrungen der Vollgeldbewegung geschrieben: http://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/wer-schulden-nicht-versteht-versteht-auch-die-geldpolitik-nicht/#comment-15590. Eine gute Kritik findet sich auch in diesem Beitrag von Heiner Flassbeck aus dem Jahre 2014: http://www.flassbeck-economics.de/abo-artikel-unser-geldsystem-xiii-vollgeld-das-moderne-gold/

      Und nun, lieber Herr Wolkenspalter, müssen Sie sich auf den Weg machen, wenn Sie den Sprung aus der (Monetär)Matrix schaffen wollen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dies nicht ganz einfach ist. Es widerspricht nämlich unserer Psyche. Und die Tücken der kognitiven Dissonanz muss ich Ihnen als Akademiker wohl kaum näher erläutern.

      LG Michael Stöcker

      Gefällt mir

      • Herbert Wolkenspalter schreibt:

        Herr Stöcker, ich sehe mühelos, wie schon erwähnt, bei Ihnen im Ansatz einen schlichten Wahrnehmungsfehler, den man ohne jede Ausbildung erkennen kann. Dies bedeutet – jetzt wird es akademisch – dass alles, was darauf gedanklich aufgebaut bzw. hergeleitet wird, falsch ist.

        Ich werde mich hier deshalb nicht mehr beteiligen. Erschwerend kommt hinzu, dass die „Argumentation“ allzuleicht aus Beleidigungen und herablassendem Entgegetreten bestehen kann. Tschüss.

        Gefällt mir

        • Michael Stöcker schreibt:

          Was auch immer Sie ’sehen‘, es scheint mir eher das augenscheinlich Offensichtliche des Mittelalters zu sein: Jeder sieht doch klar und deutlich, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Da lohnt es sich doch wirklich nicht ernsthaft weiter drüber nachzudenken, geschweige denn zu lesen.

          Unsere Nichtdiskussion möchte ich mit Goethe enden lassen:

          O glücklich, wer noch hoffen kann
          Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!
          Was man nicht weiß, das eben brauchte man,
          Und was man weiß, kann man nicht brauchen.

          Gefällt mir

  17. Tatsächlich ist es nämlich genau anderes herum. Es sind die Investitionen, die über den Weg des Bankkredits die Ersparnisse bilden. …

    Wie verhindern wir nun zukünftig solche Krisen bzw. machen sie unwahrscheinlicher? Dazu muss man wissen, dass das Wirtschaftswachstum sowohl an der Kreditexpansion als auch an der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen hängt. Wir brauchen also eine stärkere Kontinuität bei der Kreditvergabe sowie bei der Nachfrage. Zugleich benötigen wir ein Instrument, das der Geldvermögenskonzentration entgegen wirkt, damit sich das Kreditgeldsystem nicht selber stranguliert. Und wir benötigen ein Instrument, das dafür sorgt, dass die Inflationsrate wieder bei ca. 2 % liegt, damit die Geldhorter (=Konsum- und/oder Investitionsverweigerer) nicht besser gestellt werden als die Realgüterinvestoren.

    Mit einem zentralbankfinanzierten Bürgergeld, das es in früheren Zeiten als Seigniorage gab, ist es nun sehr wohl möglich, das kapitalistische Streben nach mehr Geld zu realisieren. In einem rein endogenen Geldsystem ist dies nicht möglich und führt ohne staatliche Interventionen via Zentralbank (ex post Heilung via Monetisierung von Schulden) aufgrund des Matthäus-Effekts zum Systemkollaps.
    Ich bin sprachlos. Sie sind (entschuldigen Sie die rabiate Vereinfachung) ein monetär und ich ein real denkender Ökonom. Ein völlig unterschiedlicher Ansatz (Paradigma, axiomatische Basis). Und bei Geld kommen zu (es scheint so) gleichen Schlussfolgerungen.
    Ach so: „Systemfrager“ – der Ihnen in querschuesse.de begenet ist.
    Ich lese noch was und dann melde ich mich bei Ihnen

    Gefällt mir

    • Michael Stöcker schreibt:

      Ja, ich konnte Sie schon zuordnen. Und ebenfalls ja, ich bin bekennender Monetärkeynesianer.

      Gefällt mir

      • 😉
        Ich nenne mich Keynesianer. Im ersten Schritt.
        Dann sage ich: Oder doch nicht!
        Die klassische, ich nenne sie auch monetäre Nachfragetheorie Sismondi, Malthus => Keynes konnte sich nie feste theoretische Grundlage erschaffen. Sie lebte kurz am Rande des neoliberalen Gleichgewichtsmodells … und dort starb sie, also solche musste sie sterben.
        Ich glaube dass sich der Nachfragemangel nur in einer relaen Gleichgewichtsanalyse nachweisen lässt. Also wir müssen uns total von dem neolbieralen Paradigma (axiologische Basis) befreien. (Daraf kann man auch monetäre Aspekte der monetären Nachfragetheorie aufstellen. Also bin ich doch Keynesianer! Uh! Lassen wir es leiber.)

        Gefällt mir

  18. Pedroleum schreibt:

    „Der Matthäus-Effekt kommt zu seinem Krisenkulminationspunkt. Dies ist die Situation mit der wir es seit 2007 zu tun haben und die sich in den letzten 30 Jahren kontinuierlich aufgebaut und verschärft hat. Nichts neues, alles alt bekannt, aber dank Finanzalchemie nicht alle Jubeljahre sondern alle 50 – 80 Jahre, dafür dann aber umso heftiger.“

    Kleiner Hinweis: Ursprünglich fand das Jubeljahr aller 7 mal 7 Jahre statt – also etwa aller 50 Jahre (vgl. 3.Mose 25,8-55; http://www.bibleserver.com/text/EU/3.Mose25). Heute nennt man es wohl „Erlassjahr“, um es vom Jubeljahr der römisch-katholischen Kirche unterscheiden zu können. Während das Jubeljahr bei der katholischen Kirche eine rein spirituelle Bedeutung hat, ging es in diesem Erlassjahr im Prinzip um einen materiellen Schuldenschnitt.

    Gefällt mir

  19. KBX schreibt:

    „Hohe Zinsen sind also ein Zeichen für hohe Risiken und können nicht an Sparer weiter gereicht werden.“

    Doch, Ansonsten, holen sich die Sparer den Risikoaufschlag indem sie direkt die Kredite vergeben z.B über Anleihenkauf, Fonds . . . Dass die Zentralbank manipulierend eingreifen kann ist klar, aber halt auf Kosten der Allgemeinheit, indem Sie die Risiken nicht richtig vergütet. There is no free lunch

    „Für Investitionen werden keine vorhandenen Ersparnisse benötigt sondern immer neue, zusätzliche Kredite, mittels derer die Banken neues Giralgeld schaffen.“ Das ist definitiv falsch da zwischen Eigen- und Fremdkapital und deren Risiko/Ertragsprofilen unterschieden werden muss.

    Klar kann die Zentralbank alle Sparer aus den Bankenbilanzen rausdrängen/ersetzen. Gesund ist das mit Sicherheit nicht – nennt sich Finanzrepression.

    Ich stimme allerdings bei der Vermögensverteilung zu – dies liese sich mit einem Vermögenscap leicht beseitigen, Geldpolitisch jedoch nicht – denn es gibt genug Wege außerhalb eines Währungssystems Wert aufzubewahren. In dieser Hinsicht ist der Sparer klar im Vorteil.

    Ad. Konsum/Investitionsverweigerer – Sowie Kredit vorgezogener Konsum ist, ist Sparen ein aufgeschobener – über die Zeit wird beides passieren. Die Gefahr des Sparens ist lediglich, dass der Konsum später stattfindet – es findet kein Schaden statt/die Wirtschaft wächst langsamer, aber sicherer. Jedoch ist die Gefahr ungezügelter Kredite, die leichter verfügbar sind (ein Tastendruck seitens der Bank und man hat eine Million zur Verfügung) mehr Schaden (Exzesse, Fehlinvestitionen…) anzurichten wesentlich größer. Von daher sollte man das Kreditwachstum begrenzen und nicht bei jeder Gelegenheit die Akteure rausbailen.

    Gefällt mir

    • Michael Stöcker schreibt:

      Die Sparer können sich den Risikoaufschlag nicht ‚holen‘. Entweder es gibt dieses Risiko oder es gibt dieses Risiko nicht. Gibt es dieses Risiko, dann muss es im Fall der Fälle auch getragen werden. Und dieses Risiko ist dem normalen Sparer viel zu groß.

      Meine Aussage zu Investitionen und deren Finanzierung ist schon korrekt. Und zwar dann, wenn man aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive argumentiert. Aus der betriebswirtschaftlichen Perspektive können Investitionen selbstverständlich auch aus Gewinnen und/oder Anleihen etc. von Nichtbanken finanziert werden. Im Aggregat ist dies aber nur dann möglich, wenn sich an anderer Stelle jemand zusätzlich verschuldet (Konsum auf Pump, LB-Überschüsse etc.).

      Klar kann die Zentralbank alle Sparer aus den Bankenbilanzen rausdrängen/ersetzen.

      Diese Aussage verstehe ich nicht. Wie sollte dies gehen? Geld entsteht durch Kredit und verschwindet wieder durch Kredittilgung. Und eine Flucht ins Bargeld werden die Banken für den normalen Sparer nicht riskieren, sondern eher die Kosten der negativen Einlagefazilität bei der Kreditvergabe sowie den Giroverträgen einkalkulieren.

      Von daher sollte man das Kreditwachstum begrenzen und nicht bei jeder Gelegenheit die Akteure rausbailen.

      Da bin ich ganz Ihrer Meinung.

      LG Michael Stöcker

      Gefällt mir

      • KBX schreibt:

        Ein rationaler Kreditgeber (zu dem der Sparer auch gehören sollte) vergibt keinen Kredit, wenn das Risiko nicht vergütet wird. Die Bank ist vom Risiko (mal abgesehen von den Diversifikationseffekten) nicht besser als das Kreditportfolio – von daher lässt der Sparer es sich vergüten. Ist der Risikoaufschlag zu gering, sucht er Alternativen. Natürlich haben Sie mit der Aussage recht, dass die Volkswirtschaft das Gesamtrisiko zu tragen hat, nur sollte imho kein Kredit (auch nicht an die Bank) zustande kommen, der nicht die Risiken nicht vergütet. Leider nimmt die Zentralbank das mit dem Risiko nicht so wirklich ernst und verursacht dadurch enormen Schaden imho.

        Der Sparer ist in dem System, wie sie beschrieben haben wurscht, da die Zentralbank (sofern die Kreditvergabe ordentlich war) immer das Kreditportfolio als Sicherheit gegen Liquidität tauschen kann.(i.e. endogene Geldschöpfung – Geld entsteht nur durch die Kreditvergabe). Deswegen gibt es auch keine Bankruns mehr (e.g. Griechenland -> jeder normal denkende Mensch hat seinen Ersparnisse aus den Banken bereits abgezogen – allein die EZB hält das Werkl am laufen).

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s